In den siebziger und achtziger Jahren, in der Bundesbahnzeit, war die Bundesbahndirektion Stuttgart eine Hochburg für alte und neue Elektrotriebwagen. Diese Fahrzeugart war damals bei weitem noch nicht so stark vertreten wie heute und im Personennah- und Regionalverkehr eigentlich eher die Ausnahme (außer S-Bahn). Schon bei meiner ersten Reise durch die BD Stuttgart (1965 auf dem Weg zur IVA in München) fielen mir die vielen Elektrotriebwagen unterschiedlichster Bauart auf, die ich bis dahin nur aus Büchern kannte. Später, in der Altbau-Ellok-Phase, sollten sie für mich neben den württembergischen Krokodilen der Baureihe 193 zum Charakteristikum dieser Region werden.
Vorab ein paar kurze Bemerkungen zu den hier eingesetzten Triebwagen-Baureihen:
Die ältesten Triebwagen der Region waren die ET/ES65 (465/865), die ab 1933 in drei Liefer-Serien speziell für den Vorortverkehr in und um Stuttgart beschafft worden waren. Von 25 gebauten Triebwagen kamen noch 23 zur DB; fehlende Steuerwagen wurden durch Umbau von EB/ES51 und ES25 ersetzt. Durch den Umbau des technisch sehr ähnlichen ET51 01 in den ET65 031 konnte ein weiterer Zug gebildet werden.
Die Triebzüge wurden Anfang der 60er Jahre einer grundlegenden Rekonstruktion unterzogen, bei der die ursprünglichen zweiachsigen Mittelwagen (ex württ. Personenwagen) durch farblich angepasste Vierachs-Umbauwagen (B4yge) ersetzt wurden. Der Einsatz der ET65 erfolgte hauptsächlich auf der Strecke Bietigheim - Stuttgart - Plochingen (- Tübingen) und endete nach mehr als vierzig Dienstjahren mit dem Sommerfahrplan 1978.
Auch die Geschichte des ET25 (425) ist eng mit der Direktion Stuttgart verbunden. Bereits der erste Zug der neuen Triebwagen für den Städte-Schnellverkehr, der elT 1801a/b und heutige Museumszug ET25 015a/b, wurde 1935 werksneu dem Bw Tübingen zugewiesen. Seitdem waren immer einige Züge in der BD Stuttgart beheimatet, wechselweise in Tübingen oder Esslingen, bis im Sommer 1970 alle 17 bei der DB verbliebenen Triebwagen BR 425 im Zuge einer Typenbereinigung beim Bw Tübingen zusammengefasst wurden. Von hier aus wurden sie bis zum Ende des Plandienstes im Sommer 1985 großräumig und bis über die Direktionsgrenzen hinaus eingesetzt.
Auch die ET25 wurden ab 1962 einer umfassenden Generalüberholung unterzogen, die eine erhebliche Änderung des äußeren Erscheinungsbildes zur Folge hatte: Die ursprünglich abgerundete Kopfform mit stirnseitigen Übergängen wurde durch eine zeitgemäße, eckigere Form ersetzt - nicht gerade schöner, aber doch irgendwie typisch für die Bundesbahnzeit. Die Steuerwagen, die früher als Einzelwagen an den zweiteiligen Triebwagen angehängt wurden, wurden zu Mittelwagen umgebaut, wodurch sich die neue Zugkonfiguration ETa+EM+ETb ergab.
Die ET55 (455) waren bis auf eine geänderte Getriebeübersetzung baugleich mit dem ET25. Zunächst wurden vier Züge beschafft (1939), vier weitere entstanden 1942 (2 Stück), 1951 und 1955 durch Umbau aus ET25. Anfang der sechziger Jahre erfolgte in gleicher Weise wie beim ET25 eine Generalüberholung, nach der sich die Triebzüge ebenfalls mit eckigen Köpfen und in der Konfiguration ETa+EM+ETb präsentierten. 1981 wurden die bis dahin in Tübingen stationierten Triebwagen an des Bw Heidelberg abgegeben.
Aus technikgeschichtlicher Sicht ein Zwitter ist der ET56 (456), der erste E-Triebwagen Neubau der DB nach 1945. Der E-Teil war weitgehend baugleich mit dem des ET25, unter Nutzung zahlreicher, noch vorhandener Ersatzteile für diesen. Der wagenbauliche Teil dagegen war eine Neukonstruktion, bei der die neuesten Erkenntnisse des Fahrzeug-Leichtbaus berücksichtigt wurden. Charakteristisch, und ähnlich wie bei dem zeitgleich entwickelten VT08, war die dreidimensional abgerundete Kopfform, die den Zügen den Spitznamen "Eierköpfe" einbrachte.
1968 waren noch alle sieben Züge in Tübingen stationiert und wurden von dort aus vornehmlich im Eilzugdienst nach Stuttgart und Heilbronn eingesetzt. Im Sommer '70 wurden sie im Tausch gegen 425 nach Heidelberg abgegeben.
Als direkter Vorläufer (wenn auch nicht Prototyp) des neuen S-Bahn-Triebwagens BR 420 ist der 1964 in fünf Exemplaren gebaute ET27 (427) anzusehen. Mit drei Einstiegen/Wagenseite und vier angetriebenen Radsätzen pro Endwagen war dieser ET speziell für den schnellen Personen-Nahverkehr in Ballungsräumen konzipiert. Wie die ET65 waren diese Triebwagen, abgesehen von kurzen Probeeinsätzen in anderen Netzen, Zeit ihres Lebens im Stuttgarter Raum beheimatet.
Die Bilder sind in chronologischer Reihenfolge angeordnet und dokumentieren, dass die BD Stuttgart in der Bundesbahnzeit ein wirkliches Eldorado für Freunde alter und neuer E-Triebwagen war.
Die in den Bildtexten angegebenen Fahrzeugnummern beziehen sich immer auf das führende Fahrzeug, bei Mehrfachfachtraktionen jeweils auf das führende Fahrzeug jeder Einheit.
![]() |
03
|
Nächstes Ziel war Bad Cannstatt, wo sich damals das einzige Ausbesserungswerk für E-Triebwagen im Bereich der DB befand. Im Top-Zustand präsentiert sich der Tübinger ET56 005. Die ursprüngliche Farbgebung mit den schwarz hinterlegten Frontfenstern und dünnen Zierstreifen steht dem Triebzug ebenso gut wie seinem Nachfolger, dem ET30 (siehe Galerie "ET30 - Der Ruhrgebietssprinter"). |
![]() |
05
|
Ein weiterer Triebwagen-Exot stand in der Abnahmehalle des AW, war aber leider nur von vorn fotografierbar: ET45 01 vom Bw Heidelberg, den ich einige Tage zuvor in Baden-Oos schmerzlich vermisst hatte (s. Galerie "Altbau-Elloks in der BD Karlsruhe", Bild 34. Hierbei handelt es sich um den ehemaligen ET255 01, der seinerseits 1950 aus dem ET25 026 für den 25kV / 50Hz Versuchbetrieb auf der Höllentalbahn hergerichtet worden war. |
![]() |
13
|
Ab 1973 konnte ich auch wieder farbig fotografieren. Nach drei äußerst ergiebigen Tagen in und um Freudenstadt (siehe Galerie "Mit der P8 durchs Kinzigtal") lag auf der Rückfahrt das Bw Tübingen am Weg. Alte Preußen gab es hier schon nicht mehr zu sehen, aber interessante ETs nach wie vor: Mit 425 418 und 427 101 geben sich am 06.04.73 Alt und Neu neben dem Schuppen ein Stell-Dich-ein. |
![]() |
25
|
Beim Nachschuss auf P4252 kommt nicht nur der Motorwagen 465 007 ins Bild, sondern auch das seltsam tief aufgestellte Bahnhofsschild und die Fahrleitung in alter Reichsbahn-Bauart. Tamm, 08.04.76. |
![]() |
29
|
in anderer Endpunkt des Einsatzgebiets der Tübinger 455 war Böblingen. Hier traf ich am 19.07.77 auf 455 403, der im Bahnhof auf das Abfahrtssignal zur Rückfahrt als P4956 nach Stuttgart wartet. |
![]() |
32
|
Die zweite Bauserie ES65 umfasste die Betriebsnummern 017 - 024 und entsprach der dritten Bauserie ET65 - also geschweißter Wagenkasten, flaches Dach und eckige Kopfform. Ein solcher Steuerwagen bildet die Spitze einer Doppel-Einheit, bestehend aus 865 624 und 865 633, die als P6234 einen kurzen Halt in Wendlingen (Neckar) einlegt. 05.09.77. |
![]() |
40
|
Morgens um 7 ist die Welt noch in Ordnung, aber auch die Schatten noch lang. Der frühmorgendliche Besuch in Herrenberg am 07.09.77 galt eigentlich einer Personenzugleistung mit 193 - siehe Galerie "schwäbische Krokodile", Bild 23,24. Während wir noch ganz auf die im Bahnhofsvorfeld rangierende 193 fixiert sind, hat sich von hinten fast lautlos 427 102 mit P4956 "angeschlichen". |
Danach gingen mehr als 25 Jahre (!) ins Land, bis ich wieder ET's im Stuttgarter Raum fotografierte - 425 hießen diese auch, sahen aber ganz anders aus, als die hier gezeigten ET25 ;-))


















































