Mit HS unterwegs – Röthenbach zum Hundertjährigen
Beitrag im DREHSCHEIBE Forum "Historische Bahn" vom 16.07.2008

Dem HiFo entgeht ja so leicht kein Jahrestag von Ereignissen mit Eisenbahn-historischer Bedeutung. Aber ist auch klar, was genau heute vor 100 Jahren passierte?

Richtig, am 16. Juli 1908 wurde die erste Lokomotive der Baureihe S3/6 von der Firma J. A. Maffei an die Königliche Bayerische Staats-Eisenbahn übergeben. Wenn das kein Grund ist, einen Beitrag über diese berühmte Länderbahn-Schnellzuglok zu machen, die viele für die schönste deutsche Dampflok halten.

Bevor es mit der eigentlichen Tour nach Röthenbach (Allgäu) losgeht, möchten wir zunächst einmal die Ursprungsform der bayerischen S3/6 vorstellen, auch wenn hiervon nur ein schwarz/weiß Bild präsentiert werden kann.

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Und zwar von der Augsburger 18 462, einer Lok aus der 9. Bauserie (S3/6i) mit Windschneiden-Führerhaus, die HS am 22.09.57 im Hbf der Fuggerstadt ablichten konnte. Noch besitzt die Lok kein 3. Spitzenlicht, dafür aber blanke Kesselringe (also doch kein Phantasieprodukt der Modellbahnindustrie).

Die S3/6 war nicht nur unter ästhetischen Gesichtspunkten hervorragend gestaltet. Auch technisch war die Konstruktion wohl gelungen und für die damalige Zeit und die Anforderungen der bayerischen Staatsbahn bestens geeignet. Ich möchte jetzt nicht zu sehr ins Detail gehen und stattdessen auf die einschlägige Literatur verweisen. Nur ein paar Stichworte: Heißdampf, Vierzylinder-Verbund Triebwerk mit Einachs-Antrieb auf die mittlere Kuppelachse, Anordnung aller Zylinder in einer Ebene, Barrenrahmen, Treibraddurchmesser 1870 mm (z.T. 2000 mm).

In mehreren Bauserien wurden insgesamt 119 Maschinen gebaut (109 Stück für die K.Bay.Stb und 10 Stück für die Pfalzbahn). 19 Loks mussten nach dem 1. Weltkrieg an die Siegermächte abgegeben werden, so dass genau 100 Loks als Baureihe 18.4 zur Deutschen Reichsbahn kamen (18 401 – 508, mit Lücken). Wegen des dringenden Bedarfs an leichten Schnellzuglokomotiven beschaffte die DR noch zweimal je 20 Maschinen nach, die nummernmäßig im direkten Anschluss als 18 509 – 548 bezeichnet wurden (Unterbaureihe 18.5).

Die Vervollkommnung der S3/6 ergab sich mit der Ausrüstung von 30 Nachbauloks 18.5 mit einem neuen geschweißten Kessel mit Verbrennungskammer – die Baureihe 18.6 war geboren, sozusagen die "Super-S3/6". Auch wenn der Umbau im Gegensatz zur 03.10 technisch rundherum gelungen war, teilte die 18.6 doch mit dieser das Schicksal, dass der fortschreitende Traktionswandel ihr bereits nach max. 12 Jahren den Garaus machte. Im Gegensatz zur DB 03.10 sind allerdings von der S3/6 in verschiedenen Varianten noch mehrere Museumsloks vorhanden.

Damit genug der Vorrede und auf an die Strecke. Während eines Familienurlaubs am Bodensee im Sommer 1962 nahm sich HS "einen Tag frei" für einen Ausflug nach Röthenbach an der Allgäustrecke, um die begehrten S3/6 auf’s Celluloid zu bannen.

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Um den Beitrag ein wenig anzufüttern, starten wir mit zwei Aufnahmen, die zwar an anderen Tagen dieses Urlaubs entstanden, die aber genau die ersten Stationen der Tour markieren. Da war zunächst das Bw Lindau, wo sich am 21.06.62 die "Super-S3/6" 18 630 im besten Licht auf der Drehscheibe präsentiert.

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Nach dem kurzen Blick ins Bw geht’s in den Bahnhof Lindau, wo am 09.06.62 der Genfer Schnellzug D91 gerade zur Weiterfahrt nach München startet. Bespannt ist der schwere Zug mit 18 623 und einer weiteren 18.6. Vorspannleistungen waren 1962 schon recht selten. Ganz links im Bild noch eine ÖBB Altbau-Ellok der Reihe1570 (oder 1670?), damals ein regelmäßiger Gast in Lindau.

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Nun beginnt die eigentliche Tour vom 08.06.62 nach Röthenbach(Allgäu). Die Anreise erfolgte, damals selbstverständlich, per Bahn. In Hergatz wurde der Zug aber bereits wieder verlassen, um den entgegen kommenden D94 aus München, bespannt mit 18 619, neben einer stattlichen Garde bayrischer Formsignale abzulichten. Die beiden Signale links mit dem nach unten zeigenden Flügel zeigen übrigens die Stellung "Hp Ru" an. Das bedeutet, dass im Gleis rangiert werden darf, es aber keinen Fahrauftrag gibt.

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Für die Weiterfahrt wurde P1546 benutzt, zwar nur ein "lausiger" Personenzug, aber immerhin einer mit einer S3/6 in Gestalt der 18 613 an der Spitze. Angekommen in Röthenbach hieß es, ganz schnell aus dem Zug zu springen, um ihn noch einmal am Bahnsteig zu fotografieren.
Die Verwendung der stolzen Schnellzuglok vor solchen Zügen zeigt deutlich den Niedergang und das bevorstehende Ende der Baureihe an; und das, obwohl es sich bei der 18.6 eigentlich um eine hochmoderne Maschine handelte. Aber der Traktionswandel forderte halt seine Opfer.

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Röthenbach war ganz bewusst als Reiseziel gewählt worden, fuhren doch hier nicht nur die geliebten S3/6, sondern auch die letzten Exemplare der Baureihe 98.10 vom Bw Lindau. Soeben verlässt 98 1026 mit P9375 den Bahnhof und bricht auf zu ihrer kurzen Tour nach Scheidegg.

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Die Strecke nach Scheidegg weist nur 9,9 Kursbuch-Kilometer aus. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass 98 1026 schon bald darauf wieder mit P9378 zurück kommt. Die Zahl der Güterwagen im Zug ist gegenüber der Hinfahrt noch größer geworden, aber die Zugnummer weist den Zug eindeutig als Personenzug und nicht etwa als GmP aus.

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Ein paar Schritte zurückgegangen, und schon kommt das Stellwerk von Röthenbach ins Bild. Gerade noch rechtzeitig, denn schon ist 18 619 mit D95 aus Lindau im Anrollen. Nach kurzem Halt in Röthenbach geht es weiter über Buchloe nach Augsburg (-Nürnberg).

Bild 09 09
Glück gehabt - darauf hatte er gehofft: 18 528, die damals letzte Original S3/6 (abgesehen von der VersA-Lok 18 505) ist am 08.06.62 im Einsatz und kann im besten Büchsenlicht vor P1549 bei der Einfahrt nach Röthenbach aus Richtung Immenstadt abgelichtet werden. Rechts am Bahnsteig wieder ein bayr. Signal in Ruhestellung.

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DIE Gelegenheit lässt sich HS natürlich nicht entgehen, die schöne Bayerin noch einmal ausgiebig im Stand abzulichten.
18 528 war übrigens die letzte der von der Gruppenverwaltung Bayern der DR beschafften 1. Nachbauserie von 20 Maschinen. Sie ist heute noch als Museums-Lok bei Krauss-Maffei vorhanden (z.Zt. leider unzugänglich). Daten: Fabriknr. 5696, Bj.: 1928, Z: 11.10.62, †: 15.11.63.

Die schön ausgeleuchtete Standaufnahme zeigt, warum viele Eisenbahnfreunde die S3/6 für die schönste deutsche Dampflok halten. Nach meinem persönlichen Geschmack schneidet die 18.4-5 im "Schönheitswettbewerb" sogar noch leicht besser ab, als die 18.6.

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Nach kurzem Aufenthalt fährt 18 528 mit P1549 weiter nach Lindau. Und wie es der Zufall will, gesellt sich auch 98 1026 rangierenderweise dazu.

Wow, was für ein bayrisches Doppel …

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Der "S3/6-Stress" ist vorbei, endlich Gelegenheit, sich in aller Ruhe der bayr. GtL4/5 zu widmen, einer typischen Vertreterin bayrischer Lokalbahnromantik. Und wie die S3/6 eine in jeder Hinsicht gelungene Konstruktion, wobei hier die Firma Krauss & Comp. in München als Urheber zu nennen ist. Da 98 1026 am 24.08.32 angeliefert wurde, trägt sie allerdings bereits ein Fabrikschild der Firma Krauss-Maffei mit der Nummer 15348, da Krauss&Co zum Jahreswechsel 31/32 die Fa. J.A.Maffei übernommen hatte.

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Mit der folgenden Aufnahme endet die Tour von HS am 08.06.62 nach Röthenbach. Aus Richtung Kempten / Immenstadt kommt E690 in den Bahnhof gerollt. Das Motiv kennen wir schon von Bild 9. Dieses Mal gibt sich mit 18 623 eine "Super S3/6“ die Ehre. Jetzt heißt es schnell einsteigen, denn mit diesem Zug geht es zurück nach Lindau und weiter ins Urlaubsquartier am Bodensee.

Ich denke, der kleine Ausflug mit HS nach Röthenbach hat Euch genauso gut gefallen wie mir, als ich Dias zum Scannen bekam. Bilder von der S3/6 und GtL4/5 in Farbe waren ja hier im HiFo noch nicht allzu oft zu sehen.

Apropos Farbbilder S3/6: Der "RegioWestfale" hat uns in letzter Zeit mit vielen und zum Teil recht schönen Bildern der S3/6 erfreut. In seinem Beitrag vom 29.06.08 taucht allerdings als vorletztes Bild eine Streckenaufnahme der 18 630 auf, die HS "irgendwie bekannt" vorkam – denn die ist von ihm!
Ich verlinke das bewusste Bild mal direkt hierhin:


Bild 14

Das Bild stammt möglicherweise aus einem Heft des Merker Verlags, wo es vor Jahren schon einmal veröffentlicht wurde. Nur fehlt leider jeglicher Hinweis
auf den Bildautor, der im EJ selbstverständlich vorhanden war.

Nun liegt es HS fern, sich über diese eindeutige Urheberrechtsverletzung groß aufzuregen. Wichtiger erscheint es ihm, auf die wirkliche Urheberschaft
hinzuweisen und das Bild hier noch einmal in besserer Aufbereitung zu zeigen.

Bild 15 15
Das Originaldia zeigt erheblich mehr Umgebung und entstand am 07.06.62 (also einen Tag vor der Röthenbach-Tour) in der Nähe seines Urlaubsquartiers in Nonnenhorn an der Bodensee-Gürtelbahn. Der Zug, den 18 630 am Haken hat, ist zwar nicht gerade standesgemäß, aber vor allem wegen des württembergischen(?) Packwagens durchaus sehenswert.

In diesem Fall ist das Thema damit erledigt – Schwamm drüber.

Man kann dem "RegioWestfalen" aber nur dringend raten, mit der Veröffentlichung von Bildern unbekannter Herkunft - und dazu zählen insbesondere auch (ausgeschnittene) Bilder aus irgendwelchen Zeitschriften – vorsichtiger umzugehen. Es kann noch so gut gemeint sein: Wenn er an einen weniger großzügigen und konzilianten Zeitgenossen (oder gar Verlag) gerät, kann das in bösem, sprich teurem Ärger ausarten. Und Bilder von W. Tausche waren schließlich auch schon dabei…

Zurück zu freundlicheren Aussichten. Nach intensiver Beschäftigung mit diesem Beitrag gefällt auch mir die S3/6 zunehmend besser, obwohl ich mangels direkter (Betriebs-) Bekanntschaft eher auf anderen Baureihen stehe (ihr wisst ja, 41 AK und DB 03.10 NK). Aber das Archiv von HS weist noch so viele weitere herrliche Aufnahmen der S3/6 in Farbe und schwarz/weiß auf, dass da noch der eine oder andere Beitrag drin ist. Also, schau’n mer mal …

Schönen Tag noch,
Herbert S. und Ulrich B.


Literatur:
[1] Steffen Lüdecke, "Die Baureihe 18.4-6“, EK-Verlag Freiburg
[2] Steffen Lüdecke, "Die Baureihe 98, Band 2“, EK-Verlag Freiburg
[3] Andreas Knipping, "100 Jahre S3/6", EK-Special 88