Mit der 012 nach Westerland

1967/68 kamen die ölgefeuerten Loks der Baureihe 01.10 vom Bw Kassel bzw. Osnabrück zum Bw Hamburg-Altona und lösten dort die Baureihe 03 auf den Strecken nach Kiel, Flensburg und Westerland ab. Steigende Zuglasten mit bis zu 14 Wagen und 600 t Zuggewicht, vor allem im Bäderverkehr auf der Marschbahn, überforderten sowohl die 03 als auch die zwischenzeitlich eingesetzten V200.0. Und so mussten die 01.10 auf ihre alten Tage noch einmal zeigen, was in ihnen steckt.

Zwischen dem 12.03.1967 und 30.09.1972 waren in Hamburg-Altona insgesamt 21 Loks der Baureihe 01.10. bzw. 012 stationiert (fett = abgebildet):
012 001, 061, 071, 073, 074, 075, 076, 077, 080, 081, 082, 084, 085, 088, 092, 100, 101, 102, 103, 104 und 105.

Nach ersten Begegnungen zwischen 1968 und 1970 im Hamburger Raum unternahm ich 1971 und 1972 zwei gezielte Foto-Touren an die Marschbahn, um die 012 noch einmal im schweren Schnellzugdienst zu erleben und fotografisch zu dokumentieren. Die meisten hier gezeigten Aufnahmen entstanden bei diesen beiden Touren. Sie sind geographisch von Süd nach Nord und wieder zurück geordnet, wobei im südlichen Abschnitt auch Züge von und nach Flensburg und Kiel in die Galerie mit aufgenommen wurden.

Die "so nebenbei" abgefallenen Aufnahmen vom Dieselbetrieb mit den Reihen 211, 212, 215, 216 Prototyp, 216 Serie, 218, 220, 221, 230 236, 270, 612 und 613 werden in der Galerie "Diesel Paradies Schleswig-Holstein" vorgestellt.

Von Hamburg nach Westerland

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Am 29.09.72 wartet 012 071 vor D822 im Bahnhof Hamburg-Altona auf Ausfahrt nach Westerland. Als einzige Lok ihrer Baureihe besaß 012 071 nur einfache Fensterschirme an den vorderen Führerhausfenstern statt der sonst üblichen Stauschuten.

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Im Streckenabschnitt Hamburg - Elmshorn ist der Zugverkehr von und nach Kiel, Flensburg und Westerland gebündelt. Entsprechend hoch ist die Zugdichte, wobei Anfang der 70iger Jahre nur noch wenige Dampfleistungen nach Kiel bzw. Flensburg gefahren wurden. Eine davon war E81 nach Kiel, der hier am 12.09.69 mit 012 080 durch Prisdorf rauscht.

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Gerade trassiert und ohne nennenswerte Steigungen, war dieser Streckenabschnitt zugleich eine Rennstrecke, auf der die 012 noch einmal richtig ausgefahren werden konnte. Die Erde bebt, als 012 103 mit dem schweren D672 nach Westerland mit Höchstgeschwindigkeit (ca. 130 km/h) vorbei zieht. Tornesch, 26.08.71.

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Freie Fahrt für den Kieler Eilzug. Am 25.08.71 begegnet uns 012 077 mit E588 bei der Blockstelle Himmel, wenige km nördlich von Tornesch.

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Nur einen Blockabschnitt weiter nördlich liegt die Blockstelle Lieth. Fast +30min hat D672, als er am 25.08.71 den Bahnübergang an der Blockstelle passiert. 012 104 gibt sich alle Mühe, die Verspätung wieder herauszuholen. Dem Fotografen bescherte die Wartezeit eine Menge interessanter Diesellok Aufnahmen.

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Bullendorf, knapp 3 km westlich von Elmshorn, liegt bereits an der eigentlichen Marschbahn. Keine allzu große Last für 012 061 war der Turnus-Sonderzug D13431, der hier am 25.08.71 Urlauber nach Westerland bringt. Man beachte die bunt zusammen gewürfelte Wagengarnitur mit dem Buffetwagen ex Eilzugwagen Gruppe 35.

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Noch einmal Bullendorf, dieses Mal mit Kühen (keine Bullen!). Von einem ganz anderen Kaliber als das Züglein auf dem letzten Bild ist D533 mit 14 Schnellzugwagen, den 012 077 am 29.09.72 zu befördern hat. Mit diesem Zug war die Rampe zur Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal bei Hochdonn sicher kein Spaziergang.

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Bei Kibitzreihe legt sich 012 061 mit D672 in die Kurve. Hinter der Lok zwei DR Kurswagen, von denen der zweite eine hellblau/silbern(?) gestreifte Sonderlackierung besitzt. 24.08.71

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Ein Foto aus dem Bahnhof Glückstadt muss sein, auch wenn es nur ein Bild mit Streiflicht ist. Am 26.08.71 legt 012 001 vor D1322 einen kurzen Halt ein, bevor es weiter nach Westerland geht.

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Zwischen Glückstadt und Krempe liegt die Blomesche Wildnis, entgegen dem Namen fruchtbares Weideland in der Marsch. Hier dampft 012 100 am frühen Morgen des 25.08.71 mit E2100 gen Norden. Im Hintergrund sind noch der Leuchtturm und die Häuser von Glückstadt zu sehen. Durch die leichte Nord-Nordost Ausrichtung der Strecke war diese Stelle morgens gut geeignet für nordwärts fahrende Züge.

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26.08.71, fast die gleiche Stelle, knapp einen Kilometer weiter nördlich: Mit 14 Schnellzug-Wagen ist D820 wahrlich ein Zug der ausgewachsenen Art. 012 102 hat den schweren Zug aber bereits auf Geschwindigkeit gebracht und kachelt nun durch die Marsch in Richtung Westerland.
Wer hätte damals auch nur im Traum daran gedacht, dass dieselbe Lok 30 Jahre später mit Stromlininenverkleidung noch im Einsatz sein würde.

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Noch einmal der E2100 in der Blomeschen Wildnis. Am 26.08.71 hat 012 104 einen herrlichen Zug aus alten Eilzugwagen am Haken.

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Zwischenhalt in Husum. Tief und flach duckt sich die Bahnsteighalle über die Gleise. Am 29.09.72 braucht 012 082 wider Erwarten kein Wasser nachzufassen, da D820 an diesem Tag "nur" aus zehn Wagen besteht. Am gleichen Bahnsteig gegenüber steht ein vierteiliger ETA nach/von Sankt Peter-Ording.

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Im letzten Tageslicht des 27.09.72 brettert 012 077 durch Bredstedt. Wie üblich hat D533 wieder 14 Wagen. Drei Tage später war das nur noch mit 218 in Doppeltraktion zu schaffen.

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Bei dieser Aufnahme steht einmal nicht der Zug, sondern der 11 km lange Hindenburgdamm vom Festland zur Insel Sylt im Blickpunkt. Wie klein D820 mit seinen acht Wagen auf diesem gigantischen Bauwerk wirkt! Noch ca. 400 m, und 012 077 hat wieder gewachsenen Boden unter den Rädern; Hindenburgdamm, 28.09.72.

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Jetzt ist das Ziel fast erreicht. Bei Morsum rollt 012 082 mit D533 auf die Insel Sylt. Inzwischen ist auch das Wetter aufgeklart und ein warmes Abendlicht fällt auf die blitzsaubere Lok. Morsum, 28.09.72.

Wendezeit in Westerland

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Im kleinen Bw Westerland nimmt 012 082 zuerst einmal Wasser - 235 km machen durstig. Westerland, 28.09.72.

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Danach geht es zur Nachschau kurz auf die Grube in den kleinen Westerländer Lokschuppen. Da der Schuppen nach Osten hin ausgerichtet ist, kommt das Licht am Nachmittag des 28.09.72 von der falschen Seite. Aber was soll's, hier ist die betriebliche Situation das Motiv.

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Zum Schluss wird die Lok gedreht und nach weniger als einer Stunde effektiver Wendezeit fährt 012 082 zurück in den Bahnhof, um dort ihren nächsten Zug zu übernehmen.

Von Westerland nach Hamburg

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Die Rückleistung für 012 082 ist D821 nach Hamburg Altona, Westerland ab 18:13 Uhr - exakt eine Stunde und zwölf Minuten nach der Ankunft mit D533. Bf. Westerland/Sylt, 28.09.72

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Am 28.09.72 demonstriert 012 077 auf dem Hindenburgdamm das berüchtigte Freiluft-Rohrblasen. Eine Schaufel Sand in die Feuerkiste, Bläser auf voll und sofort quillt rabenschwarzer Qualm aus dem Schornstein. Das war ein wirkungsvolles Mittel, um die mit Ölruß verschmierten Rohre frei zu blasen und dadurch die volle Verdampfungsleistung des Kessels wiederherzustellen.

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Jetzt sollten die Reisenden im E2109 ihren Kopf besser nicht aus dem Fenster strecken, denn auf die Wagen und in die Umgebung geht eine Menge ölhaltiger Ruß und Dreck nieder.

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Schwanengesang - majestätisch zieht 012 077 mit einer pechschwarzen Rußfahne vorbei. Drei Tage später war Fahrplanwechsel und die letzten Altonaer 012 wurden von neu gelieferten 218 abgelöst. Hindenburgdamm, 28.09.72.

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1972 gab es noch keine Sommerzeit. Und so ist es am 27.09.72 gegen 19 Uhr schon ziemlich dunkel, als 012 077 mit D821 im Bf. Niebüll den ersten Zwischenhalt auf dem Weg nach Hamburg einlegt. Extra für die Fotografen hat das freundliche Lokpersonal die Triebwerksbeleuchtung eingeschaltet.

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Ausfahrt frei für D532. In Husum steht 012 077 am 29.09.72 in den Startlöchern. Die eigentliche Ausfahrt "ertrank" dann im Dampf der geöffneten Zylinderhähne und ist deshalb nicht vorzeigbar.

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Bei Friedrichstadt wird die Marschbahn mit einem längeren Brückenbauwerk über die Eider geführt. In der Mitte befindet sich eine Drehbrücke, damit auch größere Schiffe passieren können. 012 082 befindet sich genau auf diesem Drehteil, als sie am 27.09.72 mit E2109 die Brücke überquert.

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Die Querung des Nord-Ost-Kanals erfolgt auf einer Hochbrücke bei Hochdonn. Am 27.09.72 hat 012 077 mit D532 die Auffahrrampe bewältigt und poltert jetzt über das imposante Brückenbauwerk. Die Kühe nehmen davon aber keine Notiz - dumme (glückliche?) Kühe.

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Ein schneller Objektivwechsel von 135 auf 50 mm Brennweite, und schon ergibt sich eine ganz andere Perspektive.

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Ohne sichtbare Kraftanstrengung biegt 012 103 mit ihrem D532 am 26.08.71 kurz hinter Krempe in die lange Gerade durch die Blomesche Wildnis ein.

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Gut einen Kilometer weiter südlich kommt uns, ebenfalls am 26.08.71, 012 100 mit E2107 entgegen. Die schöne Garnitur alter Eilzugwagen war auf der Hinfahrt schon einmal hinter 012 104 zu sehen (Bild 12).

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Auf den letzten Kilometern vor Glückstadt bedarf es keiner besonderen Anstrengungen mehr, die Geschwindigkeit zu halten. Und so rauscht 012 081 am Abend des 25.08.71 entspannt mit D1323 durch die Blomesche Wildnis.

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Die Einfahrt steht! Das Signal in der Kurve am Ausbesserungswerk Glückstadt zeigt Hp1 und der Lokführer der 012 077 bremst den E576 sanft herunter, um nach knapp einem Kilometer im Bahnhof zum Stehen zu kommen. 13.09.69.

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Die gleiche Stelle von der anderen Seite. Am späten Nachmittag des 24.08.71 beleuchtet ein warmes Streiflicht 012 085, die mit D1328 in den Bahnhof rollt. Im Hintergrund die ehrwürdigen Hallen des AW Glückstadt.

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Nach dem Halt in Glückstadt hat 012 081 den Hamburger Eilzug E2109 bereits wieder auf die zulässige Geschwindigkeit gebracht und fährt nun ziemlich unspektakulär am Fotografen vorbei; Siethwende, 24.08.71.

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Nur wenige Kilometer weiter in Richtung Elmshorn bei Kibitzreihe zeigt 012 075 am 25.08.71 mit dem Turnus-Sonderzug D13471 schon ein wenig mehr Einsatz.

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012 001 passiert am 25.08.71 mit dem E2109 die Blockstelle Himmel in Richtung Süden. Kurze Zeit später kommt 012 077 von Süden (Bild 4) und darüber hinaus jede Menge Diesel mit Personen- und Güterzügen - siehe Galerie Diesel-Paradies SH.
Paradiesische Zustände am Bk Himmel!

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Ab Elmshorn ist wieder Geschwindigkeit angesagt. In voller Fahrt strebt 012 101 ihrem Fahrziel Hamburg entgegen. D675 bei Tornesch, 26.08.71.

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Geschafft! 012 076 hat am 12.09.69 ihr Ziel erreicht und läuft mit D436 aus Westerland in den Bahnhof Hamburg-Altona ein.

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Die einzige Winteraufnahme dieser Galerie zeigt 012 073 am 04.01.71 im verschneiten Bahnhof Hamburg-Altona. Nachdem die Sitzwagen von einer Rangierlok abgezogen wurden, drückt die 012 den Packwagen in die Abstellanlage am Bw Altona.

Bw Hamburg-Altona

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Eine typische Szene im Bw Hamburg-Altona: Zwei "Hochhaxige" stehen auf den Lokbehandlungsgleisen zum Abschmieren, Löscheziehen, Wassernehmen und Ölbetanken. Am 12.09.69 sind es 012 076 und 012 084. 1½ Jahre früher waren es noch bis zu vier Schnellzugloks, die hier gleichzeitig behandelt wurden; siehe auch Galerie: Ostertour 1968 nach Hamburg.

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Nach der Lokbehandlung ging es über die Drehscheibe in den Lokschuppen, wie hier 01 1092 am 26.04.68. Die alte Nummer ist seitlich schon nur noch aufgemalt. Im Hintergrund ruhen sich 211 077 und 03 259 vor dem Lokschuppen aus.

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Das Bw Altona war für seine beiden großen, ineinander greifenden Drehscheiben bekannt. Auf diesem Bild sieht man deutlich die sich überschneidenden Laufbahnen der Drehbühnen und die Schnittstelle der beiden Drehscheibengruben. 012 080, Bw Altona, 12.09.69.

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Die gleiche Situation, wenige Augenblicke später. 012 080 ist auf das vorgesehene Gleis gedreht und wird jetzt vorsichtig in den Schuppen zurücksetzen. Die andere Drehscheibe kann derweil nicht benutzt werden.

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Obwohl immer zahlreiche Loks gleichzeitig in den beiden Schuppen standen, gelang ein Bild mit mehr als zwei vorwärts aus dem Schuppen heraus schauenden Loks selten. Entweder waren die Loks ganz im Schuppen, oder sie standen falsch herum oder die Lücken waren zu groß. Am 12.09.69 aber passte es: 012 080, 012 001, 012 102 und 012 092 in Paradeaufstellung.

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Das letzte Bild für die letzte Lok: In voller Schönheit präsentiert sich 012 105, die letztgebaute Maschine der Baureihe 01.10, vor dem Lokschuppen in ihrem Heimat-Bw Hamburg-Altona am 12.09.69.