Mit der P8 durchs Kinzigtal

Im Zeitraum zwischen 1969 - 1972 hatte ich schon mehrfach den Raum Tübingen/Rottweil besucht, um die letzten preußischen Personenzug-Dampfloks der Baureihen P8 (38.10 / 038) und T18 (78 / 078) zu fotografieren. Durch den regen Dampfbetrieb auf der Gäubahn und den von Tübingen und Rottweil ausgehenden Strecken, der später einmal in einer separaten Galerie vorgestellt werden soll, kam ich aber nicht dazu, mich den P8-Einsätzen in und um Freudenstadt zu widmen. Das wurde im Frühjahr 1973 nachgeholt.

Von dem einstmals großen 38-Bestand der BD Stuttgart - 61 Loks am 01.01.1968 - waren Anfang 1973 nur noch die Lokomotiven 038 382 (ex 38 2383), 038 711 (ex 38 3711) und 038 772 (ex 38 1772) übrig geblieben. Beheimatet beim Bw Tübingen, wurden diese drei Maschinen in einem zweitägigen Umlauf mit dem Einsatzschwerpunkt Freudenstadt eingesetzt. Wie eh und je gehörte dazu auch ein Zugpaar nach Hausach durch das landschaftlich schöne Kinzigtal.

Drei Tage Freudenstadt, alle drei Loks im Einsatz, Aprilwetter in wahrsten Sinne des Wortes. All dieses ließ nur eine sinnvolle Gliederung zu: chronologisch nach Datum.

Dienstag, 03. April 1973

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Schon bei der Anreise hatte sich das Wetter laufend verschlechtert, aber auf einen Schneesturm Anfang April waren wir dann doch nicht eingestellt: Die erste P8 Aufnahme der Tour zeigt 038 772 bei Schopfloch im dichten Schneetreiben. Die Lok hat den E 1949 in Eutingen (Würt.) übernommen und bespannt ihn auf dem kurzen Abschnitt bis Freudenstadt.

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Schneetreiben hin, Schneetreiben her, der Abschlussdienst mit Entschlacken, Löscheziehen, Bekohlen und Wasserfassen muß bei jedem Wetter gemacht werden. Aber wahrscheinlich war's für die Fotografen ungemütlicher (weil ungewohnter) als für die sturmerprobten Personale.

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In der Rückansicht wird deutlich, daß 038 772 mit einem originalen Kastentender 2'2'T21,5pr gekuppelt ist, erkennbar an den Nietreihen und den abgerundeten Kanten des Aufbaus. Erstaunlicherweise waren die drei letzten P8 alle noch mit diesem Tender gekuppelt, obwohl es, abgesehen von dem für Tübinger 38iger nicht brauchbaren Wannentender, auch viele vollständig geschweißte Neu- bzw. Nachbautender gab.

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Waren beim letzten Bild noch erste Ansätze von Sonnenschein durch die Schneeflocken zu erahnen, erkennbar an den leichten Schatten, ging's danach noch einmal richtig zur Sache. Während 038 772 vor dem Lokschuppen vor sich hin köchelt, kommen noch einmal ein paar Zentimeter Schnee runter.

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Bis zum Mittag klarte das Wetter zum Glück wieder etwas auf. Und als sich 038 772 gegen 14:00 Uhr in Freudenstadt Hbf vor ihren Zug P 3977 setzt, sind die Bahnsteige zwar bereits geräumt, aber ansonsten sorgt eine geschlossene Schneedecke für ein gänzlich unerwartetes Wintermotiv zur Osterzeit.

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Unbekanntes Terrain, VW-Käfer mit Sommerreifen auf schneeglatten Straßen - da hieß es rechtzeitig losfahren, um ein brauchbares Motiv zu finden. Vorlagen aus dem Internet gab es schließlich damals noch nicht, aber auch so wurde auf Anhieb eine gute Stelle gefunden: Ein Berghang bei Schenkenzell ermöglicht einem schönen Blick auf die Kinzigbrücke und durch den Tunnel hindurch die Strecke entlang.

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Je tiefer man in's Tal kam, desto dünner wurde die Schneedecke. Nördlich von Schiltach sind aber immerhin die Wiesen noch weitgehend weiß, durch die 038 772 mit ihrem kurzen Zug talwärts rollt.

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In Hausach gab es eine Drehscheibe, auf der die Lok für die Rückfahrt gewendet werden konnte. Noch ist 038 772 nicht gedreht und das Personal nutzt die Wartezeit auf den Drehscheibenwärter für eine kurze Ruhepause.

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Rückleistung ist P 4142 nach Freudenstadt und weiter nach Horb mit Kopfmachen und Umsetzen in Eutingen (Würt.). 038 772 hat sich im Vorfeld des Bahnhofs Hausach bereits wieder vor den Zug gesetzt und kocht nun fleißig Dampf für die bevorstehende Bergfahrt.

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Im Gegensatz zur Hinfahrt, wo der Zug weitgehend dampflos zu Tal rollen konnte, ist bei der Bergfahrt "Action" angesagt. Dafür waren in dieser Fahrtrichtung die Lichtverhältnisse generell ungünstig und erzwangen durchwegs Streiflichtaufnahmen, die aber auch ihren Reiz haben. Aufnahme bei Halbmeil im unteren Teil der Strecke.

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Wieder bei Schiltach, quer über das Tal fotografiert, sehen wir 038 772 mit ihrem Zug bergwärts dampfen. Die Stelle ist fast die gleiche wie bei Bild 07; aber in der Zwischenzeit ist der Schnee fast völlig weggetaut.

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Bei Loßburg, etwas südlich von Freudenstadt, ist der Scheitelpunkt der Strecke fast erreicht. Hier war nur eine Hochkantaufnahme möglich, die sich auf dem Monitor leider nur verkleinert und/oder beschnitten wiedergeben lässt, wenn man ein Scrollen vermeiden will.

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Die letzte Aufnahme des Tages zeigt P 4142 auf der Kübelbach-Talbrücke bei Dornstetten. Von dieser Brückenbauart mit einem unterliegenden, feinmaschigen Fachwerk aus genieteten Stahlprofilen gab es auf der Strecke gleich drei Stück. Mit ihrem kurzen Zug wirkt 038 772 etwas verloren auf dieser gar nicht mal so großen Talbrücke.

Mittwoch, 04. April 1973

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Der nächste Tag beginnt da, wo der letzte aufgehört hat, an der Kübelbachbrücke. Mit der ersten fotografierbaren Leistung, dem E 1946, kachelt 038 711 nach Eutingen (Würt.). Im Hintergrund ist das verschneite Freudenstadt zu erkennen. Leider hatte ich mir vorgenommen, das Objektiv zu wechseln, und deshalb ein wenig zu früh abgedrückt.

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Und so sieht das ganze mit Normalobjektiv aus: Die sportliche Leistung des schnellen Objektivwechsels hat sich nicht ausgezahlt - aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Fazit: Lieber ein richtig gutes Bild als zwei halbgute.

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Fast vier Stunden nach Plan war Nahgüterzug Ng 16852 aus Offenburg (wenn er's denn war), den die Tübinger 051 681 am Haken hat. Lang ist er ja nicht, aber dafür ist der Panzer auf dem ersten Wagen ein interessantes Ladegut. Aufnahme bei Loßburg, nördlich des Tunnels.

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An diesem Tag waren sogar gleich zwei 50iger in Freudenstadt. Im Bw steht
050 383, ebenfalls vom Bw Tübingen.

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Direkt neben der Kübelbachbrücke liegt eine ganz ähnliche, etwas kleinere Brücke direkt über dem Ort Wittlensweiler. Mit E 1949 kommt 038 711 zurück aus Eutingen, dieses Mal leider ohne Sonne.

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Die Restaurationsarbeiten im Bw Freudenstadt kennen wir schon vom Vortag. Nach dem Bekohlen setzt 038 711 gerade zum Wasserfassen um. Das kleine Tele lässt die Lok recht kompakt aussehen.

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Noch einmal dasselbe Motiv wie vom Vortag (Bild 04), aber mit Sonnenschein sieht's doch gleich viel freundlicher aus. Bemerkenswert auch der phänomenale Kohleberg, den 038 711 geladen hat.

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Die Kinzigbrücke bei Schenkenzell, dieses Mal in einer etwas anderen Perspektive und hochkant fotografiert, muß auch am 04.04. als erstes Motiv herhalten.

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Bei Halbmeil schlug dann wieder Murphy zu: Kaum taucht der Zug auf, schiebt sich von hinten eine dicke Fotowolke vor die Sonne. Notgedrungen wird aus dem Motiv "Zug mit Landschaft" eines vom Typ "Landschaft mit Zug".

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Bei Kirnbach ist der Zug schon wieder eingeholt. Jetzt paßt es auch mit dem Licht. Und obwohl es eigentlich bergab geht, macht 038 711 sogar ein bisschen Dampf. Aus dem Zug heraus filmt jemand die Szenerie - anscheinend waren wir doch nicht die einzigen Eisenbahnfreunde, die sich für die P8 interessierten.

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Großer Bahnhof für kleinen Zug. Pünktlich um 15:30 Uhr zieht 038 711 mit P 4142 vor an den Hausbahnsteig und steht damit für die Rückfahrt bereit.

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Kirnbach, fast die gleiche Stelle wie auf der Hinfahrt (Bild 23), nur exakt von der anderen Seite aufgenommen. Vier Dreiachser waren für eine P8 nun wirklich keine große Last, aber das Personal der 038 711 inszeniert auch so ein Schauspiel, das optisch wie akustisch vom Feinsten ist.

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Klappernde Mühle am aufgestauten Mühlbach, alter Dampfzug, liebliches Flusstal, erste Frühlingssonnenstrahlen - Schwarzwald-Idylle pur im Kinzigtal bei Schiltach.

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Und weil's so schön ist, dasselbe noch einmal etwas seitlicher und mit Zug größer im Bild.

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Die von Bild 06 und 21 bekannte Kinzigbrücke bei Schenkenzell bot auch nachmittags für den nordwärts fahrenden Zug ein schönes Motiv. "Volles Rohr" kachelt 038 711 mit ihrem P 4142 das Tal hinauf.

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Kurz vor Loßburg, bei Ehlenbogen, verläuft die Strecke direkt neben der Straße, nur etwas höher am Berghang. So kann man bei der Zugverfolgung kurz anhalten und ein solches Mitnahmebild schießen, das trotzdem eine gewisse Dynamilk vermittelt.

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In Freudenstadt Lauterbad kommt die Sonne um 17:15 Uhr kaum noch über den Berg, aber 038 711 ist mit ihrem kurzen Zug so gerade noch im Licht. Die Wiese im Vordergrund ist übrigens im Winter ein bekannter "Idiotenhügel" für Skianfänger, wie ich aus eigener Erfahrung weiß.

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Glück gehabt! Planmäßig machte P 4142 in Eutingen Kopf, und die P8 fuhr dann rückwärts mit dem Zug die Mühlener Steige hinab nach Horb - so wie am Vortag. Heute aber kommt die Lok vorwärts. Sie muss also kurz zum Wenden auf die Eutigener Drehscheibe gefahren sein. Den Fotografen, die im letzten Abendlicht südlich von Eutingen an der Steige stehen, ist das natürlich ganz recht so.

Donnerstag, 05. April 1973

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Dritter Tag, dritte Lok. Allerdings war das Wetter anfangs so bescheiden, dass die morgendlichen Eilzüge aufgegeben werden mussten. 038 382 ist bereits zum Restaurieren im Bw Freudenstadt eingetroffen. Gerade hat sie in das Wendegleis zurückgesetzt, über das alle Loks zur Bekohlungsanlage "sägen" mussten. Es endet ohne Prellbock einfach stumpf am Hausbahnsteig. Ob das so ganz den Bau- und Sicherheitsvorschriften entsprach?

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Mittags kam die Sonne dann endlich richtig heraus und ermöglichte so eine klassische Standaufnahme der alten Preußin.

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Pünktlich um 13:45 Uhr steht die Lok in der prallen Frühlingssonne vor P 3977 im Freudenstädter Hauptbahnhof. Nichts erinnert mehr an die winterliche Situation von vor zwei Tagen (Bild 05).

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Zwischen Freudenstadt und Loßburg haben sich noch letzte Reste von Schnee gehalten. Bis zum Scheitelpunkt der Strecke im Loßburger Tunnel muss 038 382 noch ein wenig arbeiten - man sieht's an der schönen weißen Dampffahne.

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Nördlich von Schenkenzell rollt unsere P8 ohne große Eile talwärts entlang der Kinzig. Gleich wird sie einen kurzen Tunnel passieren und dann über die Kinzigbrücke bei Schenkenzell poltern.

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Südlich von Schenkenzell folgt eine weitere, ebenfalls sehr fotogene Stahlgitterbrücke über die Kinzig.

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Beim Haltepunkt St. Roman ist der Zug das nächste Mal eingeholt. Nach zwei Tagen ist die nötige Ortskenntnis vorhanden, um den Zug mit seiner reichlich bemessenen Fahrzeit mühelos verfolgen zu können.

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Die letzte Aufnahme entstand bei Kirnbach, kurz vor der Einmündung der Strecke in die Schwarzwaldbahn bei Hausach. Beim Vergleich der letzten Bilder mit den ersten der Galerie wird die ganze Spanne des Wetters deutlich, das uns damals geboten wurde. Aus heutiger Sicht bin ich darüber nicht unzufrieden.