Ein Bügeleisen, ein Krokodil und jede Menge Schotter (10 B)
Beitrag im DREHSCHEIBE Forum "Historische Bahn" vom 26.04.2006

Ich denke, es ist an der Zeit, auch mal wieder die Altbau-Ellok Fraktion zu bedienen. Voila.

Meine große Altbau-Ellok Tour 1976 durch Bayern führte mich natürlich auch nach Murnau und an die Lokalbahnstrecke nach Oberammergau. Die Bilder davon finden sich auf meiner Homepage in der Galerie Murnau – Oberammergau und sind wahrscheinlich vielen hier bekannt.

Die kleinen Uralt-Elloks der Baureihe 169 waren aber nicht das einzig Reizvolle in Murnau und Umgebung. Auch 144, 160 und 194 waren gesuchte "Objekte der Begierde". Diese sind die Hauptdarsteller der kleinen Geschichte, die ich jetzt zum Besten geben möchte.

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Der Auftakt dieser Etappe am 23.09.76 hätte kaum schöner sein können: In den ersten Sonnenstrahlen eines herrlichen Herbstmorgens gibt sich die Garmischer 144 077 mit einem fotogenen Zug (Üg 67641) aus vierachsigen Talbot Schotterwagen in den Gütergleisen des Bahnhofs Murnau die Ehre. Als ehemalige "Ostlerin" (d.h. Lok des Bw München Ost) besitzt sie die auch als Rallye-Streifen bekannte Zierlinie oberhalb des Lokrahmens. Weiter hinten ist 160 009 zu erkennen, die an diesem Tag als Rangierlok in Murnau eingeteilt ist.

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Als Nächstes war jetzt die 160 dran. Die stand allerdings zunächst noch höchst unfotogen im Schatten des Bahnsteigdachs. Und keiner auf der Lok. Schließlich fanden wir den Lokführer bei der Aufsicht im Bahnhof, und auf unsere höflich vorgetragene Bitte fuhr er uns 160 009 freundlicherweise ein paar Meter nach vorne ins Licht.

So eine 160 war schon ein uriges Gerät: Die asymmetrische Achsfolge 1’C, der Stangenantrieb und das damit verbundene klappernd/mahlende Fahrgeräusch, das extrem außermittig angeordnete Führerhaus, der alte Stromabnehmer usw. Und überhaupt - eine elektrische Rangierlok, das hatte schon ’was.

In Anlehnung an die Loks der 1.Bauserie der schweizerischen Ee3/3 mit einseitigem Endführerstand, dem Schweizer "Bügeleisen", verwende ich diese Bezeichnung gerne auch für unsere deutsche BR 160.

Vom Lokführer der 160 erfuhren wir, dass er am späten Vormittag nach Eschenlohe fahren würde. Eschenlohe liegt ca. 10 km oder 3 Bahnstationen südlich von Murnau an der Strecke nach Garmisch. Dort befand (befindet ?) sich ein Schotterwerk, wo die 160 die Anschlussbedienung zu erledigen hatte. Das klang reizvoll. Und so wurde beschlossen, nach "Abarbeitung" der morgendlichen 169er Güterzugleistungen einen kurzen Ausflug nach Eschenlohe einzulegen.

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Als wir dort eintrafen, kamen wir schon fast zu spät. 160 009 holte gerade die letzte Fuhre Schotterwagen aus dem elektrifizierten (!) Anschlussgleis, um sie in den Bf. Eschenlohe zu bringen.

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Generationentreff im Rbf Eschenlohe: Die erst 1 Jahr alte 111 003 (noch mit Stromabnehmer SBS65) zieht mit ihrem E 3613 achtlos an dem alten Rangierhobel vorbei, der immerhin schon 48 Dienstjahre auf dem Buckel hat und das halbe Hundert noch locker vollmachen wird. Ob die 111 das wohl auch schaffen wird?

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160 009 hatte nun die Aufgabe, die "portionsweise" aus dem Anschluss geholten Schotterwagen zu einem Ganzzug zusammenzustellen, dessen kapitales Ausmaß (d.h. Gewicht) auf diesem Bild ansatzweise zu erahnen ist (Jeder Wagen = 40t!).

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Solch ein Schwergewicht war natürlich nur mit einem Sechsachser zu bewältigen. Standesgemäß setzte sich denn auch die Ingolstädter 194 044 vor den Zug. Vom Lokführer erfuhren wir, dass Üg 67642 entgegen der Angabe in "Altbau-E-Lok bespannte Reisezüge der DB" erst gegen 14:30 Uhr Eschenlohe in Richtung München verlassen sollte. Da blieb eigentlich genug Zeit, vorher schnell noch mal nach Murnau zu fahren, kurz im Bw nach dem Rechten zu sehen, und anschließend eine Stelle an der Strecke zu suchen.

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Die Stippvisite im Bw Murnau erwies sich, was die Fotoausbeute anging, als überaus erfolgreich. Drei der vier 169er Betriebsloks standen zwar kalt (d.h. abgebügelt) aber sonst sehr fotogen auf Lücke gestellt neben dem Schuppen. In dieser Ansicht von vorn nach hinten: 169 003, 169 002 und 169 004.

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Gerade wollten wir uns auf den Weg an die Strecke machen, als hinter uns auf der Garmischer Strecke mit dem typischen Summen leer laufender Fahrmotoren ein Zug vor dem Einfahrsignal Murnau ausrollt: Der Schotterzug! Viel zu früh, der sollte doch eigentlich noch gar nicht in Eschenlohe abgefahren sein. Und wir dazu noch auf der lichtmäßig falschen Seite - so eine Sch… :-((

Aber, Glück im Unglück, auch für den Fahrdienstleiter in Murnau kam Üg 67642 zu früh, denn vorher musste er noch P 4609 nach Garmisch passieren lassen, dessen Fahrweg unser Schotterzug auf seinem Weg in den Rbf Murnau kreuzen würde. Da gab’s nur eins: Quer über alle Abstell- und Streckengleise (okay, nicht legal, aber inzwischen verjährt) und am Bahndamm in Höhe des ESig postiert. Gerade noch rechtzeitig, denn direkt hinter dem Personenzug wurde Hp2 gezogen und das Spektakel begann.

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Jeder, der eine 194 einmal im Betrieb erlebt hat, kennt das typische Rattern des Tatzlagerantriebs bei der Anfahrt - je schwerer die Anfahrt, umso heftiger der Effekt.

Nun muss man wissen, dass die Einfahrt nach Murnau in einer kurzen, aber starken Steigung liegt. Und damit wurde die Anfahrt zu einem einzigartigen, geradezu körperlichen Erlebnis. Aus dem anfänglichen leichten Vibrieren unter den Fußsohlen wurde ein Erdbeben, die Fahrmotoren jaulten, die Lüfter heulten und die Schienen knirschten. Es erforderte sicher das ganze Können des Lokführers, diesen grenzlastigen Zug in Bewegung zu setzen. Mit viel Sand (trotz trockener Schienen) und noch mehr Fingerspitzengefühl am Fahrregler kämpfte sich unsere 194 044 Zentimeter für Zentimeter ohne Schleudern den Berg hinauf.

Ganz anders die 160 009 am Zugschluss, die bei dieser Aufnahme ins Bild kommt. Selbst über die große Entfernung war deutlich zu erkennen (und zu hören!), dass die alte Stangenlok immer wieder heftig durchdrehte und damit der führenden Lok sicher keine große Hilfe war.

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Geschafft, der Zug ist "über’n Berg" und ist mit der Zugspitze schon im Rbf Murnau. Der Nachschuss auf die Schiebelok, noch dazu von schräg unten, zeigt die 160 009 vielleicht nicht gerade von ihrer schönsten Seite, aber aus einer ungewöhnlichen Perspektive.

Erlebnisse wie dieses haben die E94, das deutsche Krokodil, zu meiner absoluten Lieblingsbaureihe unter den (Altbau-) Elloks gemacht. Aussagen alter Lokführer, mit einer 194 zögen sie mehr weg, als mit einer 150, vermag ich als Schienenfahrzeug-Ingenieur ja nicht ganz zu glauben. Aber mehr als eine 151 oder 155 allemal, das ist schlichte Physik, von den modernen Vierachsern 145/185, 152 etc. ganz zu schweigen. Leistung ist nun mal keine Zugkraft, und die wirklich starken Loks hat die DBAG ja nun zielgerichtet alle ausrangiert :-(((

Ich hoffe, der "Dampffreund" verzeiht es mir, wenn ich zum Abschluss meines Beitrags seinen Leitspruch etwas abwandle:
Eine 194 ist durch nichts zu ersetzen, außer durch zwei 194.

Schönen Tag noch,
Ulrich B.