Die letzte Fahrt der 038 711 - und ein kleines Jubiläum
Beitrag im DREHSCHEIBE Forum "Historische Bahn" vom 05.06.2006

Für meinen 100sten Beitrag habe ich mir ein besonderes Thema ausgesucht: Die wirklich allerletzte Fahrt der 38 3711.

Dieses Ereignis fand weitgehend unbemerkt - und damit unfotografiert - von den Eisenbahnfreunden statt. Auch ich wurde nur zufällig darauf aufmerksam.

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Am 08.05.74 war ich auf Stippvisite im Bw Seelze - nur kurz gucken, ob es irgendetwas zu fotografieren gäbe. Und welch’ angenehme Überraschung, was steht da? Eine leibhaftige P8! Die altbekannte, "tausendmal" fotografierte 038 711, in voller Kriegsbemalung für irgendeine Abschiedsvorstellung. Das Feuer war bereits herausgenommen, aber der Kessel noch warm. Gerade haucht sie ihr letztes Fünkchen Leben aus.

Erst später erfuhr ich, dass die offiziell am 20.02.74 z-gestellte Lok im April noch einmal in Betrieb genommen wurde, um am 28.04.74 einen Sonderzug von Rottweil aus in die Schweiz und zurück zu bespannen. Danach war sie noch mit eigener Kraft nach Seelze gefahren und offensichtlich just an jenem Dienstag, dem 08.05.74, dort eingetroffen.

Nun stellte sich natürlich die Frage "Was macht die hier?" bzw. "Was passiert jetzt mit ihr?"
Relativ schnell bekam ich heraus, dass die Lok an das Möbelgeschäft "Möbel Hesse" in Berenbostel verkauft worden sei und demnächst dorthin gebracht würde. Nur wann, das konnte mir keiner sagen. In dieser Woche auf jeden Fall nicht mehr. Und der Weg dorthin war auch völlig schleierhaft, denn in Berenbostel, am nordwestlichen Stadtrand von Hannover gelegen, gab es weit und breit keinen geeigneten Gleisanschluss.

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Da half nur regelmäßiges Vorbeischauen in Seelze. Am Sonntag, den 13.05.74, war ich wieder vor Ort. Kalt und ohne Lampen, ermattet nach einer gründlichen Dampfstrahlbehandlung, sieht 038 711 inzwischen recht traurig aus; das triste Wetter tat sein Übriges. Aber die Gesellschaft der Seelzer Heizlok 175 054 verführte mich dann doch zur Verschwendung einiger Bilder.

Immerhin konnte ich nun in Erfahrung bringen, dass der Transport in der nächsten Woche am Dienstag begänne. Die Lok sollte über ein Anschlussgleis zum Flughafen Hannover Langenhagen geschleppt und von dort per Straßenroller nach Berenbostel transportiert werden.

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Der Dienstagmorgen an der Uni verging im Schneckentempo und ich saß wie auf heißen Kohlen. Als ich am Nachmittag endlich zum Flughafen fahren konnte, war die P8 bereits da und stand direkt gegenüber des Hotels "Holiday Inn" auf einem Ladegleis neben der Zufahrtsstraße zum Terminal. Abgerüstete Lok vor Güterwagen bei Schleierlicht – das ist nicht so prickelnd. Deshalb zeige ich von dieser Situation nur ein Beweisbild mit Tower und Flughafenszenerie.

An diesem Dienstag spielte sich hier nichts mehr ab, das war klar. Und am nächsten Tag mussten erst einmal Lok und Tender getrennt und dann aufgeladen werden.

Doch als ich am nächsten, gar nicht mal so späten Vormittag des 16.05.74 wieder in Langenhagen eintraf, verschwand der Tender gerade durch ein Tor ins Flughafengelände und war damit erst mal weg. Aber jetzt war wenigstens der Weg ersichtlich, den der Transport nach Berenbostel nehmen würde: Quer über das Flughafengelände, durch ein Tor auf der Westseite des Flughafens bei Schulenburg wieder auf öffentliches Gebiet und weiter über Engelbostel nach Möbel Hesse.

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Um besonders schnell auf die andere Seite des Flughafens zu kommen, nahm ich geistreicherweise die Autobahn - und geriet dort prompt in einen Stau. Als ich schließlich in Berenbostel ankam, war der Transport schon da. Gerade wurde der Tender von dem Straßenroller über eine provisorische Rampe auf seinen neuen Standplatz abgelassen.

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Hier sieht man, dass der neue Standplatz der 038 711 bei Möbel Hesse sogar noch etwas tiefer lag, als das übrige Gelände. Dadurch ergab sich eine ganz beträchtliche Rampenlänge. Ganz zum Schluss wurde die Seilwinde freigegeben, damit der Tender auf dem ebenen Gleis ganz nach hinten durchrollen konnte. Zum Abbremsen steht ein Mitarbeiter an der Wurfhebelbremse des Tenders.

Vom Transportteam erfuhr ich, dass man nach dem Abladen des Tenders wieder zurück zum Flughafen fahren würde, um dort noch an diesem Tag die Lok auf den Straßenroller zu verfrachten. Der Transport selbst sollte dann am nächsten Morgen erfolgen.

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Das hieß auch für mich: zurück nach Langenhagen. Diesmal ging alles glatt und so war ich rechtzeitig vor Ort, um beim Aufladen dabei zu sein. Gerade ist 038 711 rückwärts per Seilwinde über eine mobile Auffahrrampe auf den Culemeyer Straßenroller gezogen worden. Ob das wirklich so schweißtreibend war? ;-))

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Die Motorwinde zum Heraufziehen bzw. Ablassen der Fahrzeuge befand sich auf der Ladefläche der Kaelble Zugmaschine mit dem Kennzeichen DB 47-601. Diese wurde dazu fest hinter den Straßenroller gekuppelt, um die Längskräfte abzufangen.

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Während die Lok noch gesichert und die Zugmaschine hinter dem Culemeyer abgekuppelt wird, tritt vorne bereits der kleine Mobilkran in Aktion, um die Auffahrrampe abzubauen. Danach braucht nur noch die die Zugmaschine angespannt zu werden und fertig ist der Transport für die Fahrt nach Berenbostel. Letzte Aufnahme vom 16.05.74.

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Donnerstag, 17.05.74. Pünktlich hatte ich mich auf der Westseite des Flughafens an dem Tor postiert, durch das der Transport kommen müsste. Warten. Ungewissheit. Keiner, den man fragen könnte (Handy gab’s ja noch nicht). Weitere Fotografen: Fehlanzeige.

Dann endlich Bewegung. Ein Wagen kommt, das Tor wird geöffnet und schon erscheint auf der anderen Seite der Konvoi mit 038 711 auf dem Culemeyer Straßenroller in der Mitte.

Aber auf dem Taxiway kam noch etwas anderes: Eine Condor Boeing 727 (Reg. D-ABWI). Und dann geschah das Unglaubliche: Das Flugzeug hält an, um den Schwer-Transport vorbei zu lassen. Da gab’s auch für mich kein Halten, rauf auf’s Gelände und abgedrückt. Und – heute undenkbar – keiner hatte was dagegen, auch nicht die zur Transportsicherung eingesetzte Polizei oder das Flughafenpersonal! Aber ich war ja auch der einzige externe Fotograf.

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Bei dieser Gelegenheit hätte ich ein Zoom gebraucht. Aber leider hatte ich damals nur einige Festbrennweiten und damit wenig Möglichkeiten, zu variieren. Deshalb gelang es nicht, den ganzen Flieger auf’s Bild zu kriegen. Aber ein 2. Bild ist schon noch zeigenswert.

Die nun folgende Fahrt über Landstraßen nach Berenbostel erfolgte im "beschleunigten Schritttempo", immer wieder durch Anhalten unterbrochen, um (zu) niedrig verlegte Freileitungen, tief hängende Äste, Verkehrsschilder oder sonstige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Bei diesen Gelegenheiten wurden auch die sich hinter dem Konvoi stauenden Autos vorbeigeschleust, so dass es überraschend einfach war, nach einem Foto immer wieder an der Fuhre vorbeizukommen.

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Der erste Ort am Weg war Schulenburg. Hier mündet die Stichstraße zum Flughafentor in die Ortsdurchfahrt ein. Im Ort war eine rechtwinklige Linkskurve zu nehmen. Es ist gut zu erkennen, wie der Straßenroller nicht nur die enge Kurve, sondern gleichzeitig auch erhebliche Straßenunebenheiten bewältigt. So etwas ging natürlich nur im Kriechgang, mit immer wieder Anhalten und Nachprüfen, ob auch überall der notwendige Freiraum vorhanden war. Da ging es oft nur um Millimeter.

Das Spruchband auf der Lok verkündet werbewirksam: "Wir fahren zum Wohnpark Möbel Hesse".

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Auf der Landstraße zwischen Schulenburg und Engelbostel kommt die Prozession zum ersten Mal ganz ins Bild. Vornweg die Polizei, dann der Schwertransport und hinten der Mobilkran. Außerdem mit von der Partie: Ein weißer BMW, Begleitfahrzeug mit Fotograf von Möbel Hesse, ein blauer R4-Kastenwagen, ebenfalls von Möbel Hesse und ein alter blauer Käfer (meiner).

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Eng geht’s in der Dorfstraße von Engelbostel zu. Hier wird die ganze Straßenbreite benötigt.

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Zwischen Engelbostel und Berenbostel kommt der Schwer-Transport zügig voran, denn auf der Landstraße gab es keine größeren Hindernisse.

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In Berenbostel biegt der Konvoi in die vierspurige B6 von Neustadt am Rübenberge nach Hannover ein. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Ziel und endlich "Platz satt". Dafür hat die Polizei hier mehr mit der Verkehrsregelung zu tun.

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Auf der B6 bei Berenbostel eine letzte Porträtaufnahme des Schwertransports mit Kaelble Zugmaschine DB 47-601, Culemeyer Straßenroller und 038 711.

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In gleicher Weise wie beim Tender erfolgt auch das Abladen der Lok. Über die noch vorhandene Hilfsrampe wird 038 711 vorsichtig auf das Gleis abgelassen. Beim genauen Hinsehen erkennt man das vorn am Zughaken befestigte Stahlseil zur Motorwinde auf der Zugmaschine.

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Die gleiche Situation aus einem anderen Blickwinkel. Nach 3.157.243 km auf der Schiene (siehe Bild 1) und ca. 10 km auf dem Straßenroller hat 038 711 ihren letzten Standplatz erreicht. Und soweit ich weiß, steht sie dort heute, gut 34 Jahre später, immer noch.

Die nächsten eineinhalb Jahre bin ich nahezu täglich auf der B6 am Gelände von Möbel Hesse vorbeigefahren. Ich konnte beobachten, wie die Lok äußerlich restauriert und herausgeputzt wurde, wie zwei Speisewagen hinzukamen und wie insgesamt nach und nach ein stilvoller Gastronomieplatz für die Besucher des Möbelhauses entstand - nur ein Bild des ganzen Ensembles habe ich nicht mehr gemacht. Irgendwie passte es wohl nicht mit dem Licht, den Bäumen, Zäunen oder was auch immer. Deswegen fehlt diesem Beitrag jetzt ein abschließendes Bild, das den Endzustand dokumentiert. Damals wusste ich aber auch noch nicht, dass ich 34 Jahre später einmal einen Beitrag für das HiFo daraus machen würde ;-)) Vielleicht kann ja einer der HiFo-Leser noch etwas dazu beisteuern.

Mit 18 Bildern und viel Text ist dieser Beitrag nun heftig lang geworden. Aber für meinen 100sten Beitrag für das Historische Forum habe ich mir einfach einmal etwas mehr genehmigt.
100 Beiträge, wenn ich nur die zähle, mit denen ich ein NEUES Thema angefangen habe (und mehrteilige Beiträge nur einfach gezählt).
100 Beiträge seit dem 10.03.2004, also in 817 Tagen, mit insgesamt 650 Bildern.
100 Beiträge, die bis heute rund 120.000 Mal aufgerufen wurden.

Ich freue mich immer wieder über die angeregten Diskussionen im Anschluss an einen Beitrag. Es ist doch erstaunlich, was da Überraschendes und/oder Neues zu Tage kommt, wie so manche Fragestellungen nach vielen Jahr(zehnt)en noch geklärt werden können. Vor allem diese kommunikative Seite des HiFo’s ist es, die die Arbeit an den einzelnen Beiträgen mehr als aufwiegt.

An dieser Stelle wird mir wieder einmal peinlich bewusst, dass ich mich umgekehrt viel zu selten zu all den vielen anderen guten Beiträgen äußere. Deshalb hier ein ganz herzliches Dankeschön an alle aktiven Mitstreiter, die das HiFo so interessant und abwechslungsreich gestalten.

Es gibt also viele gute Gründe, weiterzumachen – an Themen und Bildern jedenfalls ist zu Lebzeiten kein Mangel.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass die bisherige, alles in allem erfreuliche Entwicklung dieses wunderbaren Forums weiter anhält.

Schönen Tag noch,
Ulrich B.