103 118 – die schnelle 103
Beitrag im DREHSCHEIBE Forum "Historische Bahn" vom 14.11.2010

Vor einiger Zeit wurde im HiFo nach dem möglichen Vorhaben der DB gefragt, eine Ellok, genauer gesagt eine Eine 103 für 250 km/h zu beschaffen. Relativ schnell wurde klar gestellt, dass es sich bei der zitierten Zeitungsmeldung – wie so oft – um ins Kraut schießende Phantastereien sensationshungriger Journalisten handelte.

Aber es gab natürlich genau eine 103, die 250 km/h fahren konnte – die VersA-Lok 103 118 (mal davon abgesehen, dass später zwei weitere ihr Getriebe erbten und damit auch so schnell waren).

Die guten Fahreigenschaften der Vorserienloks 103.0 ließen den Schluss zu, dass die künftigen Serien-Loks der Baureihe 103.1 durchaus für höhere Geschwindigkeiten als die nominellen 200 km/h geeignet sein könnten. Exakt berechnen konnte man das allerdings nicht, da es Ende der 60er Jahre dafür überhaupt noch keine theoretischen Modelle und Rechenmodelle gab. Die in der Literatur gelegentlich zu findende Formulierung, die 103.1 sei fahrtechnisch für 265 km/h ausgelegt gewesen, halte ich deshalb für eine rückwirkende Glorifizierung. Wie dem auch sei, die für die Fahrtechnik zuständige Versuchsanstalt (VersA) in Minden erkannte die Chance und ließ deshalb aus der laufenden Serie die 103 118 bereits ab Werk mit einer geänderten ("längeren") Getriebeübersetzung ausstatten, die es ermöglichte, ohne Erhöhung der maximalen Motordrehzahl die Höchstgeschwindigkeit der Lok auf 250 km/h anzuheben. Mit dieser Lok wurde dann ab 1971 systematisch der Geschwindigkeitsbereich zwischen 200 und 250 km/h unter aller Aspekten untersucht, um damit die Grundlagen für eine langfristig angestrebte weitere Erhöhung der allgemeinen Reisegeschwindigkeiten zu erforschen.

Genug der Vorgeschichte. Die 103 118 war auch für mich eine ganz besondere Maschine, mit der ich oft beruflich zu tun hatte, und die ich immer wieder gern aufs Celluloid gebannt habe. Ein paar Bilder davon möchte ich jetzt mal zeigen.

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Es beginnt am 22.04.75 im Bahnhof Brackwede, von wo aus die VersA in der Regel ihre Schnellfahrversuche startete. Aus "ungewöhnlich gut informierten Kreisen" an der Uni Hannover war mir zugetragen worden, dass in dieser Woche aerodynamische Messfahrten zwischen Brackwede und Neubeckum stattfänden. Also nichts wie hin.

Und da steht er schon, der Messzug mit 103 118 an der Spitze. Typisch für die frühen Jahre: Das schwarze Nummerschild an den Stirnseiten. Ganz hinten ist noch 103 001 zu sehen, die für die Rückführungen (ohne Messungen) von Neubeckum nach Brackwede eingesetzt wurde. Das provisorisch an der Kupplungsaufnahme befestigte lange Rohr an der Lokspitze ist eine Messlanze, die ich mir noch etwas genauer ansehen musste.

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Das dicke gelbe Rohr ist nur ein Abstandshalter; das eigentliche Messglied ist das dünne silberne Röhrchen an der Spitze, mit dem der Luftdruck (Staudruck) im ungestörten Bereich gemessen wird. Als Hintergrund muss man wissen, dass der Umgebungsdruck bei aerodynamischen Betrachtungen eine große Rolle spielt. In einem Abstand von ca. 5 m vor dem Zug kann man davon ausgehen, dass hier noch ungestörte Umgebungsbedingungen herrschen. Oder, bildlich gesprochen, dass die Luft in dieser Entfernung noch nichts davon merkt, dass sie gleich von einem Zug auseinander gerissen wird.

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Das nächste Mal traf ich bereits in beruflicher Mission auf die "118". Bei den Zulassungsfahrten des im Rahmen des Rad/Schiene Forschungsprogramms entwickelten Versuchsfahrzeugs 1 für Geschwindigkeiten bis 250 km/h gab es nur eine Lok, die diese Geschwindigkeiten überhaupt erreichen konnte – 103 118.
Zunächst der Versuchszug von vorn, abfahrbereit im Rbf Brackwede am 30.04.81.

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Jetzt muss auch einmal das "Versuchsobjekt", das Versuchsfahrzeug 1, zu seinem Bild im HiFo kommen.

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Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, auch einmal eine Fahrt auf dem Führerstand der 103 mitzumachen, bei der dann wie geplant die Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h ausgefahren wurde.

Für mich als jungem Eisenbahningenieur und Eisenbahnfreund dazu war das schon ein denkwürdiges Ereignis, zumal ich damals noch nicht ahnen konnte, dass später einmal Besuche im Führerstand bei Hochgeschwindigkeitsfahrten zu meinem Tagesgeschäft gehören würden.

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Nach einem arbeitsreichen Vormittagsprogramm ging es zum Mittagessen nach Bielefeld, wo am "Gleis Null" die örtliche DB-Kantine aufgesucht wurde. Und wenn der Versuchszug hier nun mal so schön im Licht steht, muss man das auch verewigen. Inzwischen hat die Lok übrigens ihre gegossenen DB-Schilder an der Front verloren und auch das Lokschild mit rotem Grund entspricht ganz der Regelausführung.

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Zum Abschluss des Tages wartete die Versuchsmannschaft der DB mit einer netten Überraschung auf: Jeder Besucher der teilnehmenden Firmen bekam eine Urkunde über die maximal erreichte Geschwindigkeit. Am 30.04.81 waren es 253,0 km/h - und das war nicht etwa aufgerundet, sondern entsprach exakt der Digitalanzeige im Messwagen.

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Die Urkunde war zwar nichts Offizielles, aber ein netter Gag und ein schönes Andenken, das ich bis heute in Ehren aufbewahre. Und die Versuchsmannschaft verfolgte damit augenzwinkernd noch einen kleinen Nebeneffekt, der durch den Eintrag auf der Rückseite erkennbar wird: Bei einer Spende für die Kaffeekasse wurde das "nicht" gestrichen. In Zeiten, wo solche Ausgaben noch anstandslos über die Reisekostenabrechnung beglichen wurden, ließ man sich da natürlich nicht lumpen.

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Anfang 1983 verlor die 103 118 ihren Sonderstatus, da die DB händeringend Loks für den IC-Verkehr mit 200 km/h benötigte (die Bestellung der Serien 120 hatte sich bekanntlich um Jahre verzögert). Mit Bauteilen der verunglückten 103 125 wurde die Lok in den Normalzustand umgerüstet, d.h. mit regulärer Getriebeübersetzung für vmax = 200 km/h versehen. Ihre Radsatzgetriebe, also hauptsächlich Ritzel und Großrad, wurden an die Vorserienlok 103 003 weitergeben, die damit auf ihre alten Tagen noch einmal eine deutliche Geschwindigkeits-Steigerung erfuhr.

Am 08.09.83 rauscht die neue Schnellfahrlok der VersA Minden, 103 003, als Lz durch Wuppertal Steinbeck. Die gelben Klemmkästchen an den Drehgestellen zeigen an, dass die Lok mit Messradsätzen ausgerüstet – ein Muss für Fahrten mit 250 km/h.
Im Hintergrund drückt 151 078 gerade ein paar Güterwagen in den Güterbahnhof Wuppertal Steinbeck.

Soweit mein kurzer bildlicher Ausflug mit der schnellen 103 118..

Schönen Tag noch,
Ulrich B.