Belastungsprobe Süderelbbrücke in Hamburg, 30.11.75
Beitrag im DREHSCHEIBE Forum "Historische Bahn" vom 30.11.2012

Über die Uni war ich an die Information gekommen, dass am 30.11.75 die Belastungsprobe der neuen Süderelbbrücke in Hamburg Harburg stattfinden würde. Für diese Brückenbelastungsprobe sollten zahlreiche Dampfloks auf die Brücke gefahren werden; das versprach ein Erlebnis der besonderen Art.

Bei einer Brückenbelastungsprobe geht es um den Nachweis, dass sich die Brücke in der Wirklichkeit so verhält, wie zuvor theoretisch berechnet. Eine sehr gut messbare und aussagefähige Größe ist dabei die Durchbiegung der Brücke unter Last. Um die für die Auslegung zugrunde gelegte hohe Meterlast (= von der Brücke zu tragendes Gewicht pro Meter Brücke) zu erreichen, braucht man für den Belastungsversuch möglichst schwere Fahrzeuge, bei denen die einzelnen Radsätze dicht aufeinander folgen – was war da besser geeignet als die schweren Güterzugdampfer der Baureihe 44 mit 20t Radsatzlast. Um diesen Wert zu erreichen, sollten die Maschinen möglichst ihr Dienstgewicht mitbringen – Schrottloks wären deshalb eher suboptimal. Und, nebenbei bemerkt, die Gefahr, dass die Brückenkonstruktion total versagt und unter der Belastung durchbricht, bestand auch damals schon definitiv auch nicht ansatzweise.

Bei den Versuchen wird die Belastung stufenweise erhöht. Mit Hilfe geeigneter Messverfahren werden dann die Verformungen und die in der Struktur auftretenden Spannungen ermittelt.

Genug der Vorrede. Los ging’s am frühen Sonntag-Morgen, 30.11.75, in Hannover. Zunächst wurden noch drei Kommilitonen aufgesammelt, die sich das Spektakel ebenfalls ansehen wollten. Für meinen altersschwachen 34 PS Käfer bedeutete das zwar Grenzlast, aber gleichzeitig für alle eine spürbare Reduzierung der Fahrkosten.

In Hamburg herrschte typisches Novemberwetter – alles grau in grau, leicht diesig, aber wenigstens war es trocken. Der Ort des Geschehens, die Süderelbbrücke in Harburg, war leicht gefunden und zahlreiche Schaulustige hatten sich bereits eingefunden. Von der Krone des Neuländer Hauptdeichs, heute eine bekannte Fotostelle, entstand die erste Aufnahme der Tour.

Bild 01 01
Der Belastungszug auf dem vorderen Gleis war mit einem 291er-Pärchen bespannt, das aus 291 017 an der Spitze und der Schwesterlok 291 016 bestand. Den tristen Lichtverhältnissen entsprechend kam zunächst nur die schwarz/weiß-Kamera zum Einsatz.

Da auf dem Gleis dahinter noch ein weiterer Belastungszug vor sich hin dieselte, begaben wir uns auf die andere Seite der Strecke (legal durch die Unterführung), von wo aus sich die Situation so darstellte:

Bild 02 02
Auch dieser Zug war mit zwei Loks der für mich neuen Baureihe 291 bespannt, vorn die 291 018. Beim Zurückdrücken des Zuges auf die Brücke kamen dann alle vier 291 ins Bild: 291 016, 017, 018 und 019 – was für ein Zusammentreffen direkt aufeinander folgender Nummern.

Nach diesem Auftakt wagten wir uns weiter vor und ein erstes Ziel bestand darin, die Zusammensetzung der beiden Belastungszüge zu ergründen. Neben den Jumbos waren auch etliche Belastungswagen mit von der Partie, aufgebaut aus den Fahrwerken ehemaliger Tender 2’2’T34 und 2’3T38, bei denen der Aufbau durch Schienenpakete ersetzt war, um so die maximal mögliche Achslast (22,5 t ?) zu erreichen (Einzelbilder davon habe ich mir seinerzeit leider gespart). Meine Aufzeichnungen von damals sind vielleicht auch für andere von Interesse:

Zug 1, vorderes Gleis:
291 017 + 291 016 + 044 143 (GBi) + 4 Bel.wg. + 044 522 (GBi, Z) + 044 594 (GBi) + 044 969 (Ott, Z) + 044 360 (Ott) + 4 Bel.wg. + 044 592 (GBi) + 044 596 (GBi)

Zug 2, hinteres Gleis:
291 018 + 291 019 + 044 470 (GBi) + 4 Bel.wg. + 044 599 (Ott, Z) + 044 329 (GBi) + 044 575 (GBi) + 4 Bel.wg. + 044 171 (Ott) + 044 204 (Ott, Z)

Dabei standen die Dieselloks BR 291 im Süden, also Richtung Harburg. Dampfer mit der Nase nach Süden sind in Normalschrift, die mit Tender nach Süden kursiv angegeben.

Gemäß amtlicher Statistik war am 30.11.75 keine dieser Loks ausgemustert und nur 044 204, 522, 599 und 969 standen offiziell auf z; 044 143, 171, 329, 470, 575, 592, 594 und 596 wurden erst am 10.12.75 z-gestellt. Tatsächlich aber waren alle Maschinen kalt und mehr oder minder abgerüstet. Einzige Ausnahme: Die Ottbergener 044 360, die noch für einige Monate wieder in Fahrt kam. Unabhängig davon ist aber davon auszugehen, dass alle Loks "bis zur Halskrause" mit Wasser gefüllt waren (Lok und Tender), um das angestrebte Gewicht zu erreichen.

Das Fotografieren der Dampfloks gestaltete sich wegen der beengten Platzverhältnisse zwischen den Zügen und inmitten von Betriebsgleisen etwas schwierig, aber schließlich ging es ja auch nicht um schöne Lokaufnahmen sondern darum, den selten zu erlebenden Fall einer Brücken-Belastungsprobe irgendwie auf den Film zu bannen.

Bild 03 03
Das bei Bild 2 angesprochene Zurückdrücken des Zuges 2 auf die Brücke hatte dazu gedient, den hinteren Teil ab 044 329 auf der Brücke abzustellen, um damit eine Teillast zu simulieren.

Bild 04 04
In gleicher Weise wurde mit den vier hinteren Loks und Belastungswagen von Zug 1 auf dem vorderen Gleis verfahren. Nachdem die Restzüge wieder von der Brücke gezogen worden waren, konnte nun 044 594 einzeln am Zug abgelichtet werden.

Bild 05 05
Ein Hauch Licht, der durch die graue Wolken- und Hochnebelsuppe schimmerte, veranlasste mich, auch einmal ein Farbbild zu versuchen. Dazu kletterten wir auf den Bahndamm vor dem Brückenkopf, wo 044 599 auf dem hinteren Gleis und 044 594 (vorn) am Schluss der vorgezogenen Restzüge nebeneinander zu stehen kamen.

Bild 06 06
Beim Blick in die andere Richtung auf die Brücke erkennt man auf dem vorderen Gleis den Teil-Belastungszug mit 044 969 + 044 360 + 4 Bel.wg. + 044 592 + 044 596.
Das Wetter? Na ja, traurig, traurig, traurig…

Bild 07 07
Nachdem diese Messung im Kasten war, wurden die Teilzüge wieder zurückgeholt und die nächste Messung vorbereitet. Zu sehen ist hier der Schluss von Zug 1 mit 044 596 und 044 592.

Bild 08 08
Jetzt noch mal einzeln: 044 596 ex 44 596 und …

Bild 09 09
044 592 ex 44 1596. Wieder einmal ein schönes Beispiel für die Fallstricke der neuen Nummern.

Bild 10 10
Wieder nach oben auf den Damm geklettert, konnte auch die Schlusslok des zweiten Zuges ins Bild gesetzt werden: 044 204 neben der schon von unten abgelichteten 044 596.
Wie man sieht, gehörten Jeans und Parka damals nicht nur zum Outfit der studentischen Fotografen.

Bild 11 11
Die sich langsam verbessernden Lichtverhältnisse ermöglichten jetzt auch ein Farbbild von 291 018, immerhin, wie schon erwähnt, eine neue Baureihe in meiner Sammlung.
Zunächst die Lok allein …

Bild 12 12
… und dann noch einmal die drei Loks an der Spitze des zweiten Belastungszuges: 291 018 + 291 019 + 044 470.

Bild 13 13
Der Blick von der parallel verlaufenden Straßenbrücke ergab dann noch ein weiteres Motiv, bei dem die markanten Bögen der alten Süderelbbrücke schön zur Geltung kommen. Davor, auf dem verlängerten Damm der Rampe zur neuen Brücke, sind 044 204 und 044 171 zu sehen. Das Gewässer im Vordergrund ist der Diamantgraben, ein Nebenarm der Süderelbe.

Nach diesen Bildern war unser Appetit auf Belastungsprobe und kalte Dampfer erst mal gestillt. Und da das Wetter langsam etwas besser wurde, beschlossen wir, noch kurz in Altona nach dem Rechten zu schauen – schließlich gab es in Hamburg auch nach dem Ende der Dampfzeit noch viel Interessantes zu sehen und bei der Baureihe 265 fehlten mir noch ein paar. Doch davon mehr in einem gesonderten Beitrag.

Auf dem Rückweg von Altona nach Hause lag die Süderelbbrücke ja quasi am Weg und so schauten wir noch einmal vorbei, was die Messungen machten. Das Wetter war inzwischen wieder recht diesig geworden und so beschränke ich mich bei der Auswahl der Bilder auf zwei Aufnahmen vom nördlichen Ufer der Süderelbe.

Bild 14 14
Die Brücke war jetzt wieder vollgepackt, beide Belastungszüge standen in ganzer Länge auf der Brücke. Viele Details sind bei den traurigen Lichtverhältnissen nicht auszumachen, aber als Gesamteindruck bleibt festzuhalten, dass die neue Brückenkonstruktion in punkto Erscheinungsbild mit der die alten bei Weitem nicht mithalten kann.

Bild 15 15
Die gleiche Situation wie auf dem Bild zuvor, nur etwas weiter nach rechts gehalten.

Rückblickend muss ich sagen, dass sich der Ausflug an die Süderelbbrücke trotz des miesen Wetters durchaus gelohnt hat. Eine derartige Belastungsprobe habe ich später nie wieder miterleben können. Und bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass bis auf den Sipo in Bild 12 kein einziger Mensch mit Warnweste zu sehen ist. Heute kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass wir uns völlig unbehelligt im Gleis- bzw. Baustellenbereich und direkt neben einer viel befahrenen Hauptstrecke aufhalten konnten.

Von unserem Beifang in Altona und Umgebung werde ich später in einem gesonderten Beitrag berichten – ich denke, auch daran besteht Interesse?

Einen schönen Tag noch,
Ulrich B.