Ostertour nach Hamburg – 1968
Beitrag im DREHSCHEIBE Forum "Historische Bahn" vom 19.09.2016

Hamburg – 1968 war das aus der Sicht eines 17-jährigen Schülers und Hobby-Einsteigers nicht nur das Tor zur großen weiten Welt, sondern vor allem auch ein Eisenbahn-Eldorado. Da traf es sich günstig, dass die Eltern eines Freundes aus der Nachbarschaft in der Woche nach Ostern eine Geschäfts-/Urlaubsreise nach Hamburg unternahmen und mir die Mitnahme auf der Rückfahrt anboten. Unverhofft ergab sich so die Möglichkeit, vier Tage lang gemeinsam mit meinem Freund die Hamburger Eisenbahnszene zu erkunden.

Der Aufenthalt in der Hansestadt dauerte vom 23. bis zum 26.04 68. Dabei entstanden zahlreiche Bilder, in Farbe und schwarz/weiß, überwiegend Lokporträts in den diversen Hamburger Bws. Denn so ganz am Anfang des Fotografierens von Eisenbahnen stand noch das "Sammeln von Lokomotiven" im Vordergrund. Und das hieß, Bilder von möglichst vielen verschiedenen Baureihen und Loks ins Fotoarchiv zu bekommen. Fotografische Meisterwerke sind dabei nicht entstanden, aber auch so vermitteln die damals entstandenen Bilder einen gewissen Eindruck davon, was einem 1968 in Hamburg alles so vor die Kamera fuhr.

Eine Auswahl der damals entstandenen Fotos ist jetzt in zwei neuen Galerien auf meiner Homepage zu sehen. Hier die Direktlinks:

Aber wie immer sind noch zahlreiche Bilder übriggeblieben, die ich in den Galerien nicht unterbringen konnte, und von denen ich jetzt hier einige zeigen möchte.

Bild 01 01
Vor dem Treffen mit meinem Freund blieb immer ein wenig Zeit, den Hbf auf eigene Faust zu erkunden. Zeitlich passend und gut im Licht war dabei der D594 nach Köln, Hamburg Hbf ab 8:30 Uhr, der am 23.04. (dem ersten Tag vor Ort) mit 01 1052 vom Bw Osnabrück Hbf bespannt war.

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Für den ersten Tag hatten wir uns das Bw Altona vorgenommen, wo uns auch ohne Voranmeldung eine Besichtigung ohne weiteres genehmigt wurde. Von den vielen dabei entstandenen Aufnahmen zeige ich erst einmal eine 01.10 von hinten beim Verlassen der Drehscheibe, und zwar die Osnabrücker 01 1054.
An dieser Stelle ist der Hinweis fällig, dass im Frühjahr 68 die meisten Osnabrücker 01.10 bereits ihrer Schilder beraubt waren – von 15 fotografierten Loks hatten nur noch drei echte Loknummernschilder; 01 1052 und 1054 waren zwei davon.

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Bei den Altonaer 01.10 war es genau umgekehrt. Hier gab es zwar auch schon (min) zwei schilderlose Loks, aber die meisten besaßen "richtige" Lokschilder. So auch 01 1102, die später als wiederaufgebaute Stromlinienlok von sich reden machen sollte.

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Vorn am Kanal bzw. an der "Öl-Tanke" dann ein Bauart-Exot unter den 01.10: Die letzte Lok mit einfacher Führerhaus-Entlüftung mittels aufgesetzter Dachhutze, 01 1089, eine der vielen schilderlosen Maschinen des Bw Osnabrück Hbf.

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Die Reichsbahn 03 177 vom Bw Wittenberger hatte den D166 aus Berlin nach Hamburg gebracht und suchte nun zum Restaurieren das Bw Altona auf.

Unser Begleiter erzählte uns dazu, dass die DR Personale angewiesen seien, darauf zu achten, Kohle nur im unbedingt nötigen Umfang nachzufüllen (zwecks Einsparung der kostbaren Devisen). Manchmal gäbe es aber auch eine Baggerschaufel extra, direkt mit dem Greifer und am Bekohlungstrichter vorbei, um die korrekte Erfassung zu umgehen. Lokführer-Latein? Oder selbstverständliche Hilfe von Eisenbahnern untereinander?

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Der zweite Tag, also der 24.05.68, begann mit trübem und wolkenverhangenem Wetter, das sich auch im weiteren Tagesverlauf nicht aufhellen wollte. Mit anderen Worten, das Wetter war besch…
Bescheiden waren auch die Möglichkeiten, den morgendlichen D163 nach Berlin am Bahnsteig zu fotografieren. Deshalb blieb es bei einer Beweisaufnahme, denn immerhin handelte es sich bei 03 135 um eine vor dieser Reise noch nie gesehene DR-03.

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Trotz oder gerade wegen des miesen Wetters ging es wieder ins Bw Altona, wo aber nur Aufnahmen entstanden, die niemand wirklich braucht.
Wie zum Beispiel das deutsch-deutsche Treffen von 01 1068 und 03 121 auf dem Kanal.

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Zum Glück währte der Wetter-Durchhänger nur einen Tag, denn schon am 25.04.68 herrschte wieder eitel Sonnenschein. Damit konnten wir unser Programm weiter abspulen, und da stand als erster Punkt Aumühle auf der Liste. Aumühle war damals Endpunkt der Dampf-S-Bahn, auf der die Altonaer 78 im Wendezugdienst eingesetzt wurden. Einen solchen Zug sehen wir hier mit 78 252 im Bahnhof Aumühle.

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Nächstes Ziel war Rothenburgsort, wo wir es natürlich hauptsächlich auf die Neubauloks Baureihe 82 abgesehen hatten. Aber zunächst gab es nur ganz viele 94er zu sehen. Etwa 94 1307, die auf einem der Freigleise an der Drehscheibe kalt abgestellt war.

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Viele weitere, vorrübergehend kalt abgestellte Loks standen in einer langen Reihe am Rand des Bws, darunter 94 891.

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Nur 82er ließen sich bedauerlicherweise nicht blicken; die standen alle im Schuppen. Aber zum Glück bedurfte es keiner großen Überredungskünste, den uns begleitenden Lokführer dazu zu bewegen, eine dieser Loks auf die Drehscheibe zu fahren. Heraus kam 82 017, eine Lok mit Oberflächenvorwärmer und "Hamburger Lampen".

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Auch in Wilhelmsburg, unserem nächsten Ziel, wurde uns freundlicherweise eine 82 vor den Schuppen gefahren: 82 030 – dieses Mal eine 82 mit Mischvorwärmer und ebenfalls mit "Hamburger Lampen".
Was es mit dieser Bauart-Besonderheit bei den 82ern auf sich hat, wird in den Galerien auf meiner Seite näher erläutert.

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Im Rangierbahnhof Wilhelmsburg stießen wir beim Rückweg zur S-Bahn auf die Harburger 44 1353, die sich gerade vor ihren Zug setzte.

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Ziemlich modern, aber wirklich etwas Besonderes war V90 903, einer der drei V90 Prototypen mit langsamlaufenden MaK-Motor. Dafür wurde sogar ein kostbares Farbdia “geopfert“.

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Am letzten Tag, dem 26.04.68, wollten wir vormittags noch einmal ins Bw Altona, gab es doch hier mit den Schnellzugdampfern das interessanteste und vielfältigste Angebot für Anfänger wie wir. Und auch sonst gab es in Altona ja immer wieder etwas Besonderes zu sehen. So wurden wir gleich zu Beginn unseres Besuchs von dem Schlepptriebwagen 692 501 begrüßt. In der Frontansicht sieht man natürlich nicht, dass dieses Fahrzeug leider als eines der wenigen auf dieser Tour gesichteten bereits mit neuer Nummer versehen war.

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Hinter dem Schuppen befanden sich auf der östlichen Seite zwei Freiluft-Grubengleise, die bei allen unseren Bw Besuchen regelmäßig von verschiedenen Loks genutzt wurde; an diesem Tag u.a. von 78 190.

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Die nächste erfreuliche Überraschung war 03 034, die justamente an diesem Tag von einer Zwischenuntersuchung aus dem AW Braunschweig zurückkam.

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In einem absoluten Top-Zustand präsentierte sich 03 121 vom Bw Wittenberge - besser zu sehen auf den parallel entstandenen Farbfotos, aber die gibt’s nur auf meiner Seite. Gekuppelt ist die Lok übrigens mit einem Niettender 2‘2’T32 alter Bauart.

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High noon am Kanal in Altona: Vorn 01 1068 und 01 1077, dahinter knapp zu erkennen 03 121. Nur der DB-Mann auf der 1068 war nicht damit einverstanden, dass da zwei Jugendliche mit Fotoapparat in den Gleisen herumsprangen…

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Das letzte von uns besuchte Hamburger Bw war Eidelstedt, wo uns in kürzester Zeit gleich zwei 41 mit Neubaukessel und Kohlefeuerung ins Netz gingen. Auch die Flensburger 41 019 war mit einem Niettender 2‘2’T32 alter Bauart gekuppelt, ein bei der DB zu dieser Zeit schon seltener Typ.

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Die zweite 41, die uns in Eidelstedt die Ehre gab, war 41 014, ebenfalls vom Bw Flensburg.

Damit genug der Vorschau. Wen’s interessiert, ist herzlich eingeladen, sich weitere 117 Bilder in den beiden neuen Galerien auf meiner Seite anzuschauen. Über Rückmeldungen, wo und wie auch immer, freue ich mich schon.

Schönen Tag noch,
Ulrich