Hannover-Messe

Jedes Jahr im Frühling kommen zigtausende Besucher zur bedeutendsten Industriemesse der Welt nach Hannover. Da die Eisenbahntechnik im Allgemeinen und Schienenfahrzeuge im Besonderen nur eine leider zunehmend an Bedeutung verlierende Facette im breiten Angebot der Hannover Messe sind, kommt der an moderner Schienenfahrzeugtechnik interessierte Besucher nur selten auf seine Kosten. Aber ab und zu waren und sind doch besondere, i.d.R. hochmoderne Fahrzeuge dort ausgestellt.

Interessanter für den Eisenbahnfreund sind da schon die zahlreichen Sonderzüge. Über mittlere Entfernungen ist die Eisenbahn nämlich nach wie vor die schnellste und komfortabelste Möglichkeit, zur Hannover Messe zu gelangen. Dafür gab es sogar einen eigenen Messebahnhof, der direkt am West-Eingang zum Messegelände lag. Dieser im Laufe der Zeit mehrfach vergrößerte und elektrifizierte Kopfbahnhof mit zuletzt 10 Bahnsteiggleisen an 5 Bahnsteigen wurde über eine kurze eingleisige Strecke in einer fast 180 Grad Kurve vom Rbf Hannover Wülfel aus erreicht. Die Anbindung erfolgt nordwärts, so dass die Züge aus Westen, Nordwesten und Osten (via Güterumgehungsbahn) sowie Norden (meist direkt über Hannover Hbf) den Messebahnhof direkt anfahren konnten. Nur die Züge aus Süden mussten in Wülfel Kopf machen.

Leider wurde der fotogene alte Messe-Bahnhof 1998 aufgegeben und durch einen neuen Bahnhof, direkt an der Nord-Süd Strecke gelegen ersetzt. Weitere Informationen zum Messebahnhof Hannover finden sich bei www.lokfoto.de.

Neue Fahrzeuge auf der Hannover Messe

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Bei der Hannover Messe 1990 hatte ich die Ehre, drei Tage lang den brandneuen und noch nicht DB-abgenommenen ICE-Triebkopf 401 016 auf dem Krupp Stand zu betreuen. Noch waren die Serien-ICE nicht im Plandienst und dem entsprechend fand dieses Fahrzeug ein reges Interesse auf der Messe. 02.05.1990.

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Neben dem 401 016 war als zweites Fahrzeug auf dem Krupp Stand die 240 002 unseres Schwesterwerks Krupp-MaK in Kiel ausgestellt. Mit der Präsentation dieser beiden, in der breiten Öffentlichkeit noch weitgehend unbekannten Triebfahrzeuge, beide ausgestattet mit der inzwischen ausgereiften Drehstrom Leistungsübetragung, wollte man u.a. auch auf die herausragende Bedeutung der Verkehrstechnik innerhalb des Krupp Konzerns hinweisen.

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240 002 war eine Diesellok des Typs DE 1024 (so die werksinterne Bezeichnung) und eine Gemeinschaftsentwicklung von Krupp-MaK und BBC. Die drei Prototyp Lokomotiven wurden auf eigene Rechnung entwickelt und gebaut, nicht zuletzt mit Blick auf die damals in Schleswig-Holstein politisch diskutierte Beschaffung von Hochleistungs-Dieselloks für die Strecken von Hamburg nach Kiel, Flensburg und Westerland.

Abtransport der Fahrzeuge

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Mit den drei ebenfalls auf eigene Rechnung entwickelten und gebauten Probeloks des Typs DE 2500 verhalfen die Firmen BBC und Henschel der neuartigen Drehstrom-Leistungsübetragung zum Durchbruch. Die orange Lok war die zweite dieses Typs und die einzige mit zweiachsigen Drehgestellen. Fabrikneu auf die Messe gekommen, stand sie an exponierter Stelle auf dem Stand der Firma Rheinstahl (damals Konzern-Obergesellschaft von Henschel).

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Am 07.05.73 ist die Messe bereits vorbei und der Abbau der Ausstellungsstücke angelaufen. Bei etwas tristem Wetter wartet 202 003 darauf, dass die vor ihr stehenden Maschinen ihren Weg zurück auf das Gleisnetz der DB finden.

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Aus dem Baukasten-Programm der Firma Henschel für Industrieloks stammt die vierachsige dieselhydraulische DHG 1200. Während der Messe quer zwischen der 202 und der 232 aufgestellt, mußte sie erst einmal mit Hilfe eines Auto-Krans um 90 Grad gedreht werden (und der unter ihr verlegte Gleisrost ebenso), bevor sie über ein eigens verlegtes Hilfsgleis in Richtung Messebahnhof rollen konnte. Ob das im Hintergrund sichtbare Anlassen des Motors bei 202 003 wohl auch den Besuchern der Messe vorgeführt wurde? Ich glaube kaum.

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Unbestrittenes Highlight für die Eisenbahn-Fans unter den Messebesuchern war natürlich die 232 001. Mit Blick auf den ein Jahr später auslaufenden Mietvertrag mit der DB versuchte Henschel auf der Messe wohl einen Käufer für die Lok zu finden. Diese imposante Maschine war zwar inzwischen schon elf Jahre alt, aber mit 160 km/h und 4000 PS immer noch die schnellste, leistungsfähigste und stärkste Diesellok auf deutschen Gleisen.

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Wie schon erwähnt, mußte eigens für den Abtransport der ausgestellten Loks ein provisorisch verlegtes Gleis (ca. 200 m ?) aufgebaut werden, über das die Loks dann mit eigener Kraft das Messegelände verlassen konnten. An der Spitze der Kolonne steht 232 001 und wartet (zusammen mit dem Fotografen) darauf, daß es endlich losgehen kann. Messegelände, Rheinstahl-Stand, 07.05.73.

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Während 202 003 und DHG1200 noch am gleichen Tag per Doppel-Lz nach Kassel zurückfuhren, wurde die 232 001 zunächst einmal auf Gleis 1 des Messebahnhofs abgestellt. Auf dem Foto stört der Maschendrahtzaun zwar nicht so sehr, wie in Wirklichkeit, aber das war noch nicht DAS Foto, was ich von dieser Lok haben wollte. Nur, was war weiter geplant? Vor Ort war nur zu erfahren, dass die Lok heute, am 07.05.73, auf jeden Fall hier stehen bleiben würde.

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Etliche Telefongespräche führten schließlich zu genaueren Informationen: Am frühen Abend des 08.05. sollte die Lok einen Sg in Richtung Süden bespannen. Also rechtzeitig nach Hannover Wülfel gefahren, passende Stelle im Rbf neben dem alten Güterschuppen gesucht, Erlaubnis zum Aufenthalt im Gleisbereich eingeholt, und da kam sie auch schon. Die angestrebte Porträt-Aufnahme von 232 001 war im Kasten, der Rest war Kür.

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Um in die Gütergleise des Rbf's Hannover Wülfel zu gelangen, musste man erst weit nach Süden bis in die Nähe des Bahnhofs Laatzen (bei Hannover) sägen. In der perspektivischen Verkürzung durch das Teleobjektiv kommt die geballte Kraft der Lok schön zum Ausdruck. Laatzen, 08.05.73.

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Genau dort, wo heute der neue Messebahnhof ist, wartet 232 001 "im Stumpf" auf ihren Schnellgüterzug, der erst noch in Wülfel bereitgestellt werden muss. Während dessen sorgt der rege Verkehr auf der Nord-Süd Strecke für reichlich Abwechslung. Zuerst kommt die Deutzerfelder 110 460. Ob der Lokführer wohl erkennt, an welch einem Exot er gerade vorbei rauscht?

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140 022 war eine der niedrigsten Nummern beim Bw Seelze. In frischem Lack, schon "oben ohne" (d.h. ohne Dachrinne), aber sonst noch im alten Zustand, repräsentiert sie hier die Güterzüge auf der Nord-Süd Strecke. Lokführer (aus Kempten) und Lotse für die 232 genießen derweil die wärmende Frühlingssonne des 08.05.73.

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Und das ist der oben erwähnte Schnellgüterzug, den 232 001 nun mindestens bis Würzburg bespannt. Das Angebot des Personals, bis Bebra auf dem Führerstand mitzufahren, konnte ich leider nicht annehmen konnte - schade, schade, schade, das war wirklch eine einmalige Chance.

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Bevor 232 001 auf die Reise geht, muss sie erst noch einem IC mit 103 196 die Vorfahrt lassen. Leider springt im letzten Augenblick ein anderer Fotograf ins Bild, der offensichtlich nur an der 103, nicht aber an dem Nebeneinander der beiden schnellen & starken Sechsachser interessiert ist. Schade um den als zweiter Wagen eingereihten Kakadu.

Messeverkehr

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Die Messezüge aus Richtung Westen und Nordwesten wurden über die westliche Güterumgehungsbahn um Hannover herum direkt nach Hannover Wülfel geführt. Am 03.05.74 durchfährt die Eidelstedter 110 282 mit D12073 aus Bremerhaven die weitläufigen Gleisanlagen in Hannover Linden Hafen. Dieser Zug war einer der wenigen Messezüge ohne Namen und zudem in der Zuggattung "D" eingereiht.

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Fast wie ein Anschlussgleis wirkt die Zufahrt vom Rbf Wülfel zum Messebahnhof, und so wurde die kurze Strecke wohl auch betrieblich behandelt (?). Die Kölner 110 375 nimmt mit M1143 "Messe-Star" und vmax 30 km/h die letzten paar hundert Meter bis zum Ziel in Angriff. Han. Wülfel, BÜ Ulmer Straße, 19.04.75.

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Nach einer Kurvenfahrt um mehr als 90 Grad wird unmittelbar vor dem Messebahnhof die Karlsruher Straße überquert. Die ihrer Pufferverkleidungen und Schürzen beraubte 110 442 (KDfd) versteckt verschämt ihre Blöße hinter dem Schrankenbaum und Andreaskreuz. M1141 "Messe-Baron" am 19.04.75.

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Die 103 waren 1975 noch zu neu und mussten erst einmal im Plandienst "Kilometer schruppen". Und so war M1190 "Messe-Favorit" die einzige 103- Leistung dieses Tages im Messeverkehr. Leider weiß der Wettergott das nicht richtig zu würdigen, als 103 172 den BÜ Karlsruher Straße passiert.

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Nur rund 50 m weiter befindet sich 110 381 (HEid), am Haken den D1089 aus Hamburg. Die Einfahrt in den Messebahnhof war durch die bei der DB äußerst seltenen Fahrleitungsportale geprägt, da Turmmaste wegen des starken Hubschrauberverkehrs von und zur Messe hier nicht zugelassen waren.

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Die Messe-Sonderzüge waren wohl die letzten Züge der Bundesbahnzeit im Stil der alten F-Züge. Blaue Bügelfalten-E10 vor blauen 1. Klasse Wagen - zeitlose Eleganz ! 110 353 (HEid) kommt mit M1085 "Messe-Rapid" ebenfalls aus Hamburg. 19.04.75.

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Mit M1041 "Messe-Regent" aus Dortmund läuft 112 485 (DoB) in den Messebahnhof ein. Obwohl erst sieben Jahre alt, sind die 112.4 durch die neuen 103 bereits schon wieder weitgehend aus den IC und TEE Einsätzen verdrängt.

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Tele-Studie mit 110 201 (DoB) unter Fahrleitungsbrücken. M1043 "Messe-Pfeil" kommt aus Duisburg und ist noch mit einer "einäugigen" Kasten-E10 bespannt.

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Mit M1079/1179 "Messe-Kapitän" aus Bremerhaven bzw. Wilhelmshaven werden die Besucher aus dem Raum Bremen/Oldenburg zur Hannover-Messe gebracht. 110 379 (HEid) sorgte für die schnelle und pünktliche Beförderung. Hannover Messebahnhof, 19.04.75.

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Nachdem alle Messezüge nahezu im 10-Minutentakt eingetroffen sind, beginnt in dem bis aufs letzte Gleis belegten Messebahnhof das große Umrangieren und Bereitstellen der Züge für die Rückfahrt. 110 201 (DoB) hat sich dabei ein wenig an den Rand drängen lassen, während für die 260 im Hintergrund nun der Tag erst richtig beginnt. 19.04.75.

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Auch wenn's nur ein Standardmotiv ist: "So nebenbei" fällt auch ein schönes Bild der 260 139 vom Bw Hannover ab, die am 19.04.75 die Rangierarbeiten im Messebahnhof zu bewältigen hat.

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Am späten Vormittag des 19.04.75 stehen bereits die Mehrzahl der Züge richtig herum und zur nachmittäglichen/abendlichen Abfahrt bereit. Die Kölner 110 150 war mit M1047 "Messe-Kurier" gekommen und wird diese Garnitur als M1046 zurück nach Mönchengladbach bringen.

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Aus Bad Pyrmont (über Coppenbrügge, Elze ?) kam E2045 als Wendezug mit 216 186. Dieselbe Lok wird die Garnitur auch am frühen Abend als E2044 zurück ins Weserbergland bringen.

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Schwestern-Treffen im Messebahnhof am 19.04.75: links 216 185 vor E2047 nach Braunschweig, in der Mitte hinten 216 187 vor E2043 nach Bad Harzburg und ganz rechts 216 186 vor E2044 nach Bad Pyrmont.

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15 Jahre später beherrscht die ungeliebte ozeanblau/beige Farbgebung das Erscheinungsbild der DB. 110 328 vom Bw Eidelstedt steht am 02.05.90 schon wieder abfahrbereit vor D2147, was aber noch einige Stunden dauern wird. Und damit es im Führerraum nicht zu warm wird, hat der Lokführer die Jalousien herunter gelassen.

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Auch das Fahrzeugangebot war 1990 sehr uniform geworden. Einziger Farbtupfer: Die ehemalige Rheingold-Lok 112 310 (HEid) mit einem artreinen Zug aus DR-Wagen - die politische Wende in der DDR machte es möglich. M1077 "Messe-Kapitän" im Messebahnhof Hannover, 02.05.90.

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Die nächste Farbgebung ist bereits unterwegs: Die Seelzer 290 097 war eine der ersten Loks in orientrot. Frisch lackiert und mit großem DB-Keks sieht das auch noch sehr ansprechend aus. 02.05.90.

Zwischen den Messen

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Nach der Messe ist vor der Messe. Und so wird zwischen den jährlichen Großveranstaltungen kräftig gebaut und umgebaut. Ein besonderer Gast im Bauzugdienst war am 01.11.76 die Hannoveraner 236 238, die mit ihrem hohen Führerhaus (Wuppertal-) Steinbecker Bauart ein absolutes Einzelstück unter den V36 der Bundesbahnzeit darstellte.